Es gab fast gar nichts ...
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Feierabend-Mitglied
Samstag 30.05.2026, 15:59
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Nach Kriegsende war ich 6 Jahre alt und als Flüchtlingskind mit Mutter, Schwester und Oma in einem Ort in einem süddeutschen „Hinterland“ gelandet. Wir waren bei einem Schreiner ein quartiert worden, der auch ein Möbelgeschäft mit für damalige Zeiten „großen“ Schaufenstern hatte. Dort waren wunderschöne Schleiflackmöbel, vor allem Schlafzimmer, in Schwarz und Weiß ausgestellt. Dahinter war das Möbellager und dort hatte uns der Schreiner zwei winzige Zimmerchen ohne Heizung zur Verfügung gestellt. Es gab keine Matratzen, kaum Geschirr, nur ein durchgelegenes Sofa und einen sogen. Sparherd, der mit Holz aus der Schreinerei und ab und zu mit Eierbriketts beheizt wurde.
Zu essen gab es täglich Maisbrei. Den dMaisgrieß und das Maismehl hatten die Amerikaner, die „Besatzungsmacht“ waren. beschafft. An Sonntagen wurde der Brei mit Marmelade bestrichen, werktags ein Klecks Margarine. Das war für uns Kinder aber nicht das Hauptproblem. Schlimm war, dass wir keine Spielsachen hatten, keine Malbücher, keine Malstifte, höchstens Stummel von Bleistiften, die die Schreinergehilfen weggeworfen hatten.
Eines Tages fand ich einen kleinen Rest von weißer Kreide. Ich machte mich sofort ans Werk und bemalte alle schwarzlackierten Kleiderschränke in dem dunklen Möbellager. Ich konnte schon etwas schreiben und hinterließ noch ein Schimpfwort, das der kleinen Tochter des Schreiners und Möbelhausbesitzers galt.
Als meine Missetat entdeckt wurde, kostete das fast unsere Unterkunft, denn für den Schreiner und seine Gehilfen war das natürlich ein großer Ärger und finanzieller Verlust (was ich als Kind nicht wusste), denn alle Schranktüren mussten ausgebaut und von Neuem in Schleiflacktechnik von Hand lackiert und poliert werden. Jahre später sah ich mir diesen mühsamen Vorgang in der Schreinerei an und mir wurde klar, was ich angerichtet hatte.
Der Schreiner, von dessen Wohlwollen es abhing, ob wir ein Dach über dem Kopf hatten, verlangte von mir natürlich eine Entschuldigung. Mürrisch sagte ich, dass es mir leid tut und dass ich das nie wieder machen würde. Da versetzte der Mann mir eine so heftige Ohrfeige, dass ich nach hinten fiel. Wieso konnte er nicht verstehen, dass ich Papier und Malstifte brauchte, das war das der einzige Gedanke, den ich hatte. Glücklicherweise war die Sache damit erledigt, so viel ich weiß. Möglicherweise musste meine Großmutter aber einige Tage auf dem Kartoffelacker des zu Recht verärgerten Schreiners arbeiten, denn das war oft der Fall.
Zu meiner großen Freude kam eines Tages ein Paket von unseren Verwandten aus New York. Endlich hatten meine Schwester und ich je ein Malbuch und Buntstifte, Mutti bekam schöne weiße Papiertüten, die man brauchte, wenn man Mehl, Grieß oder Zucker einkaufen wollte. Das waren immer sehr kleine Mengen, denn es war genau festgelegt, wieviel ein Mensch bekommen durfte (Lebensmittelkarten), Es musste alles in den vom Käufer mitgebrachten Behältnissen transportiert werden, denn auch die Geschäftsleute hatten kaum Papiertüten. Heringe gab es aus einem großen Fass, was uns Kinder faszinierte, denn Fische, die in Salzlake schwimmen, hatten wir nie gesehen.
Das kam man sich heute kaum noch vorstellen.
Ich gehe aber auch heute noch vorsichtig mit Verpackungsmaterial aus um, denn ich erinnere mich noch immer daran, wie kostbar damals nach dem Krieg Papiererzeugnisse und sonstige Dinge waren. Und Plastiktüten gab es natürlich auch noch nicht.