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Unsere Kindheit im Nebenerwerb (Teil II)

Von optik Donnerstag 21.05.2026, 08:34

Unseren Milchbedarf lieferte die treue Liese, eine weiße Ziege. Vom Frühjahr bis zum Herbst meckerte sie tagtäglich angebunden um einen Baum, wo sie nebenbei beständig die Wiese abgraste. Einmal im Herbst bot sich für sie ein Liebeserlebnis, sie wurde zum Bock geleitet und erfreute uns im Frühjahr mit einem oder zwei Lämmchen. Zunächst blieben sie in einem kleinen Gehege, doch fand unser tierliebender Bruder bald heraus, dass man sie wie ein Hündchen an einer Leine, im nahen Eichenwald „ausführen“ konnte. In dieser Idylle lebten nicht nur wir Kinder, sondern auch die Tiere eigentlich sehr glücklich. Es bedurfte keinem Tierwohl-Label oder einem Siegel für Art gerechte Haltung und „Lebensmittel, entsorgt in der Tonne“? Welch eine Sünde. Wir kannten nicht einmal Mülltonnen!
Zwei Mädels und zwei gänzlich unterschiedliche Zwillingsbrüder, von denen der eine- die Tiere abgöttisch liebte, auch einige Kleintierkinder in inniger Liebe zu Tode herzte und drückte. Der andere Zwilling fand oft Gefallen daran sie zu ärgern. So auch unseren Hahn. Ob es die stolze Art war, wenn er hoch erhobenen Hauptes frühmorgens seinen lauttönendes Weckruf erschallen ließ, jedenfalls hegten beide keinerlei Sympathie füreinander. Oft stand unser Bruder vor dem Ferch und stichelte und ärgerte ihn mit einem langen Stock durch den Zaun stochernd. Sobald der Hahn drauf los piken wollte, zog er ihn weg und das arme Tier wurde erregt und störrisch, plusterte die Flügel breit auf und wütete rum, während sich der Bengel sich belachte und amüsierte. Aber der Hahn rächte sich.
Wir mussten wieder einmal am Abend die Hühnerschar hüten und natürlich hatte sich unser Bruder frühzeitig aus dem Staube gemacht.
Fröhlich und einträchtig scharrte das Federvieh im Gras, als sich der Hahn plötzlich und voluminös aufplusterte, den zum Kampf bereiten Kopf sengte und wie ein Pfeil über die Wiese und Garten davon sauste. Er hatte unseren Bruder bemerkt, der nichts ahnend um die Hausecke kam. Wie ein Blitz schoss ihm der Hahn entgegen und krallte sich auf den Kopf im Haar fest und hackte mit dem Schnabel, dabei mit den Flügeln wild rumbalancierend auf dessen Schopf.
Laut schreiend hörten und sahen wir unseren erschreckten Bruder, wie er sich gegen das triumphierende Tier zu wehren versuchte. Es floss sogar etwas Blut und unser Bruder geriet in arge Nöte, gebärdete sich ebenso wild und schlug endlich den Hahn vom Kopf. Doch der biss sich noch in seinem Gesäßbereich in der Lederhose fest und kostete den Sieg richtig aus. Der Hahn hatte unseren Bruder im Kampf sogar leicht skalpiert, es fehlten ihm einige Haarbüschel.
Auch die Ziegenlämmer wurden im Herbst geschlachtet. Dies übernahm der Hirte des Dorfes und dabei durfte ich helfen. Das erste Lammbraten schmeckte uns allen ganz vorzüglich und Mutti musste ihn regelrecht verteidigen, bevor er auf den Tisch kam. Die nachfolgenden wurden dann auch zunehmend mit schmerzlich, traurigen Gedanken an die einst glücklich rumspringenden Tiere bedacht und betrauert, was natürlich den geschmacklichen Genuss und Appetit arg minderte. Mutti nannte uns dann „arg verwöhnt Bande“ und weckte auch diese Fleischgerichte in Gläsern ein, die wir irgendwann, damals auch schon „umetikettiert“ vorgesetzt bekamen. Wir kannten noch keine Kühltruhe und Tiefkühlware.
Unverhofft besuchte uns einmal der ortsansässige Metzger. Er bot unseren Eltern eine Kuh an! Wie das, fragten wir wohl und es hieß: Er habe sie zum Schlachten bekommen, sie gebe aber immer noch jeden Tag 8-10 Liter Milch. Das Angebot war, Mutti solle das Tier noch „ausmelken“ und dann wollte er sie wieder abholen und vermarkten. Schnell wurde in unserem Keller ein Ecken geschaffen. Heu und Stroh hatten wir und eine rotbunte Kuh zog bei uns im Keller ein. Sie hieß Schimmel und ihre Milch schmeckte wesentlich besser als jene von Liese. Mutti erstand ein Butterfass, eine Zentrifuge und es gab eine Zeitlang frische Butter und auch Kuchen mit eigener Schlagsahne. Geschlagen von zwei in sich rotierenden handbetriebenen Schlägern. Einen „Drei-Mix“ kannten wir damals auch noch nicht. Zum Abendbrot gab es eigene erzeugte Buttermilch und aus den Resten kochte Mutti einen säuerlich, aber schmackhaften erfrischenden Nachtisch für einen warmen Sommertag.
Nachdem sich Schimmel in unserem Keller für Monate heimisch gefühlt hatte und der Platz wieder frei geworden war, sann Vati über weiteres Nutztier nach. Er ummauerte den kleinen Bereich als Schweinestall und besorgte einen Schweinetrog. Wir bekamen zwei niedliche kleine Ferkelchen. Welch eine Wonne! Nein, Mitleid oder Skrupel kannten wir in diesem Falle nicht. Wir wussten, sie würden auch eines Tages geschlachtet und von uns verspeist werden. Die kleinen Schweine waren zwar noch nett anzusehen, und sie wuchsen und gediehen prächtig und dann überwog der Gedanke an die deftige Wurst, an Schinken, an ein selten bereitetes Kotelett. Wir kannten es als Karbonarde Doch in diesem Falle war unseren Eltern das Glück wirklich nicht hold. Beide Schweine hatten die Schlachtreife erreicht als unsere Mutti an ihnen die Veränderungen auf der Haut wahrnahm. Der Tierarzt kam, danach der Abdecker, beide Schweine hatten Rotlauf und Mutti weinte tagelang um den herben Verlust.
Als Älteste musste ich mittags das vorbereitete Essen für meine Geschwister erwärmen, wenn Mutti im Garten oder auf dem Feld war. Unsere jüngste Schwester hatte nun einmal Muttis Ankündigung mitbekommen, dass „es Erbsensuppe geben solle“, aber „nein, keine Würstchen dazu“
Nach der Schule holte ich den Topf aus der Speisekammer, stellte ihn auf die Herdplatte, wollte noch einmal umrühren und …was war das? Oben auf der Suppe schwamm eine Schicht getrockneter Haselnussblüten.
Wie Beeren und Blätter, Holz, Tannenzapfen und ähnliches hatten wir sehr häufig in der Natur gesammelt und beim Spielen auch die getrockneten Blüten, weil sie wie kleine Würstchen von den Ästen hingen, so genannt. Unsere kleine Schwester war flugs in den Wald geeilt um die Suppe mit Würstchen zu verfeinern. Heimlich entsorgte ich die Beilage, wärmte die Suppe und niemand bemerkte etwas.

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