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Unsere Kindheitim Nebenerwerb

Von optik Donnerstag 21.05.2026, 08:42

oder: Minilandwirtschaft im Zeichen des Wirtschafteswunders
„Oma, ich wünsche mir zum Geburtstag drei Hühner und einen Hahn“, erklärte mein Enkel vor einigen Monaten. „Und wo willst du sie unterbringen“, gab ich zu bedenken. „Na hinter der Garage wo du den Komposthaufen hast. Du wirst dich jeden Tag freuen, wenn ich die frischen Eier bringe“, sprudelte es aus ihm heraus. „Ich habe schon für alle vier einen Namen, nämlich: Eva, Maria und Hildegard und der Hahn heißt dann Herrmann“. Natürlich war ich im ersten Moment unangenehm überrascht. Das gefiel mir gar nicht. Als ich jedoch seine verschmitzt, herausfordernde Gesichtsmimik sah, fragte ich nach: „Du willst das Federvieh doch wohl nicht nach mir benennen“? Er grinste mich an. „Aber klar! Oma, das ist doch eine große Ehre für dich. Jeden Morgen hörst du deinen Namen und sofort kommen alle angerannt“.
Noch ist über die Umsetzung seines Planes nicht entschieden, es erinnerte mich an meine Kindheit und wie glücklich wir mit allerlei Getier aufwuchsen. Es gehörte zu unserem Leben. Wir sahen es als selbstverständlich und vollkommen natürlich an, denn alle unsere Vorfahren waren im landwirtschaftlichen Bereich ansässig gewesen. Da gehörten „Ackerbau und Viehzucht“ einfach dazu. Nach der Flucht unserer Eltern aus der DDR bot sich hier ein landwirtschaftlicher Nebenerwerb an, sie erwarben ein Haus mit einem angegliederten, großen Garten, einem außerhalb gelegenen Acker und einer Grünlandfläche.
Während unser Vater einer festen Arbeit nachging, oblagen unserer Mutter und uns Kindern die damit anfallenden Arbeiten und die Hege und Pflege des Kleinviehs. Wir waren fast Selbstversorger. Supermärkte mit Frischetheke gab es noch nicht. Gemüse und Obst, ohne „Gütesiegel“, wurden ausschließlich aus eigener Ernte verköstigt. Egal ob krumm oder gerade gewachsen, ein wenig wurmstichig oder ab und zu von kleinen Wühlmäuslein angeknabbert.
Unser Mittagstisch bestand grundsätzlich aus Erzeugnissen des eigenen Anbaus, und selbstverständlich: Alles BIO. Stangenbohnen galten als ergiebigstes Gemüse und es wurde nicht geklagt, wenn es drei Tage hintereinander Muttis gesunde Bohnensuppe gab. Für die verschiedensten Hülsenfruchtvarianten kannte sie stets nur die Aussagen: “Kinder, ihr wisst ja gar nicht wie gesund das ist, etwas Besseres gibt es nicht“ und dann wurden auch die Teller leer geputzt. Das galt ebenso für Spinat und Mangold. Außerdem wurde alles was der Boden her gab, wie Obst, Bohnen, Erbsen, Möhren und Kohlrabi noch emsig eingekocht oder in einer Salzlake eingelegt. Kartoffeln gab es nur vom eigenen Acker. Keimende Restbestände des Wintervorrates wurden im Frühjahr wieder gesetzt und im Herbst geerntet.
Unsere Herbstferien verlebten wir ausschließlich bei der Erdäpfelernte. Mit einem leeren Handwagen zogen wir zum Acker, beladen mit einem vollen Sack kehrten wir abends heim. Neben dem Einsammeln von Kartoffeln, bestand unsere Hauptaufgabe darin, die dicken Steine vom Land zu sammeln. Heute zeugen noch kleinere Hügelchen im nahen Hauberg von unserer Mühe.
Mutti klagte oft: „Wir sind steinreich! Die Steine wachsen schneller als die Erträge“. Als Lohn für unsere Arbeit, die wir, in dem Falle brummelig, ausführten winkte am Ende der Ferien im September der Kirmesbesuch. Großzügig spendierte Mutti uns vier Kindern zwei Mark. Es blieb uns allen in besonderer Erinnerung, denn von jeweils fünfzig Pfennigen konnten wir uns einen ganzen Nachmittag vergnügen. Ja, ihr sogar am Abend ein kleines Geschenk mitbringen. Zum Beispiel, ein mit Spielkarten bedrucktes Schnapsglas. Einmal gewannen wir sogar an der Losbude ein formidables schwarzes Keramikpferd, dass jahrelang einen Ehrenplatz im Wohnzimmerschrank hatte.
Unsere landwirtschaftliche Kleintiermenagerie bestand aus Kaninchen, die großgezogen, dann geschlachtet überwiegend das sonntägliche Mahl bestimmten. Damals fuhr unsere Mutti im Frühjahr für ein Wochenende nach Siegburg. Unser Onkel Helmut lebte dort in unmittelbarer Nachbarschaft einer Hühnerfarm. Am Sonnabend ging es erst mit Bus, dann per Zug zur Verwandtschaft und mit einem großen, gut tragbar verschnürten Pappkarton kehrte sie am Sonntagabend wieder heim. Das Gepäck versehen mit zig Einstichlöchern, darin ein unentwegtes Gepiepse von meistens 25-35 kleinen herzigen Eintagsküken. Damals wurden die kleinen Hähnchen verschenkt und nicht geschreddert….! Mutti kam stets glücklich von diesem Besuch zurück und ganz besonders erfreulich war es, wenn sich unter die Hähnchen ein, zwei oder drei Hühnchen, genannt Pittchen verirrt hatten. Vom Frühjahr bis zum Herbst war es die Aufgabe von uns Vieren das Federvieh zu hüten. Im Karree, jeder an einer Ecke mussten wir aufpassen, dass die Tiere für eine gewisse Zeit genügend Grünzeug piken konnten, dabei aber niemals auf die Nachbargrundstücke ausbüchsen durften.
Unser pfiffiger Bruder verschwand dann grundsätzlich still und heimlich, was jedes Mal in ein großes Beschwerdegeschrei ausuferte. Wir sammelten auch freiwillig Brennnessel, die kleingehackt für die Tiere als besondere Leckerbissen galten. Nach und nach wurden die Hähnchen von Mutti geschlachtet und verarbeitet.
Die ersten knusprig-krossen verputzten wir gierig und schnell. Da jedoch die Tiere überwiegend zur gleichen Zeit schlachtreif wurden, schwanden die hungrig freudigen Aspekte der von Mutti gepriesenen appetitanregenden und „äußerst gesunden Geflügelgerichte“, dann jammerten wir: „Schon wieder“.

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