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Mehlsuppe

Von Fiddigeigei Mittwoch 17.02.2021, 16:25

Carlos mit Pandemie- Kochmütze

Ä Ibrennede

Nur als eingefleischter Alemanne, weiß man, dass eine „Ibrennede“ eine eingebrannte Mehlsuppe ist. Igitt, wird mancher sagen, oder sogar Pfui Teufel, wie kann man so etwas überhaupt in den Mund nehmen. Gut, ich muss nun das Rad der Zeit zurückdrehen, bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Damals sagte niemand Igitt oder Pfui Teufel, sonder man schlapperte dieses undefinierbare Trauma aus Mehl und Wasser klaglos in sich hinein und zwar schon oft morgens, anstatt Butterbrot mit Nutella oder leckere Croissants. Ich weiß sogar noch, dass man dazu Kartoffelschalen verschlang, die man vorher „knusprig“ auf der Herdplatte, des mit Holz und Kohle befeuerten Küchenherdes briet. Und es gab keinen KABA, sondern einen Edelkaffee aus Zichorie, der mit geröstetem Eichelmehl versetzt, zu einem unvergesslichen Geschmackserlebnis auflief.
Die meist etwas angefaulten, oft wässerigen Kartoffeln selbst gab es dann zum Mittagessen, als 2te Variante und natürlich: „ Mit ohne Fleisch“.

Ich hatte dies alles längst vergessen, auch dass ich bei meiner Musterung zu Bundeswehr als Unterernährter „ Tauglichkeitsgrad 2 „ erhielt und ich wenige Jahre später einen Wohlstandbauch mit mir herumschleppte, mit dem ich heute noch, trotz meiner eingeschränkten Wehrfähigkeit, schwere Kämpfe austrage.

Kurz und gut, an diese Mehlsuppe meiner Kindheit habe ich nie mehr gedacht, bis, ja bis ich bei einem Einkauf in einer Schweizer Supermarktkette der unter dem Namen „Migros“ firmiert, in einem der vielen Regale, auf eine Fertigsuppe von Knorr, mit der Tütenaufschrift:
„ Basler Mehlsuppe“
stieß.“
Sofort kamen suppige Erinnerungen aus meiner Kindheit in mir empor gekrochen.
Ich sah plötzlich meine Mutter, wie sie morgens in der Küche verzweifelt versuchte uns Kinder ab zufüttern.
Ich spürte wieder die armselige Wassersuppe aus angebranntem Mehl auf der Zunge und roch gleichzeitig den Duft herdplattengeschmorter Kartoffelschalen.

Meine Frau verstand den bei mir einsetzenden Freudentaumel überhaupt nicht und konnte mich nur mit aller Mühe davon abhalten, den gesamten Bestand von 30-40 Tüten sofort in den Einkaufswagen zu packen. Ich beschränkte mich dann auf 2 Versucherle, zumal der Inhalt bedenklich viele „E’s“ enthielt und auch ein kräftiger Anteil „ Geschmacksverstärker“ eingebaut war; und, was mich aber am meisten faszinierte: Rotwein- Extrakt enthielt!
Hoppla, diese Schweizer, die ersparen uns bereits das Viertele schlotzen. Zu jedem Essen Kann man jetzt einfach einen Löffel Weinextrakt, je nach Geschmack Riesling oder Spätburgunder, einnehmen. Einfach toll.
Beim Lesen dieser Packungsbeilage, ergänzte ich den Text leise mit:
Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Zu Hause angekommen, konnte ich es dann doch kaum erwarten, das bräunliche Pulver sofort nach Vorschrift in einem Liter heißem Wasser aufzulösen- inklusive dem Rotweinextrakt natürlich-.
Es schmeckte auf jeden Fall besser als das Zeug aus meiner Kindheit, den bei Knorr war Palmöl verarbeitet, während in der Mehlsuppe meiner Mutter mangels Masse, außer dem Mehl nur Wasser und Salz , der Zunge etwas anderes als reines Wasser vorgaukeln musste.
Aber eins war sicher:
In Mamas Suppe gab es keinen Geschmacksverstärker!

Natürlich habe ich mir als Hobbykoch vorgenommen selbst eine richtige Mehlsuppe auf den Tisch zu bringen, aber meine Frau eine Nichtalemannin zeigte an solchen Rezeptideen keinerlei Interesse und schüttelte sich bedeutungsvoll, als ich ihr die „Basler Chemie“ zum probieren gab und stieß dabei Töne aus, die stark nach „Brrrrrrrrr“ klangen. Daran scheiterte ich übrigens auch bereits vor Zeiten, als ich sie für eine andere alemannische Leibspeise begeistern wollte:
Suure Chuttle!
Für Nichtalemannen sei erklärt: Suure Chuttle bestehen aus in Streifen geschnittener Kuh- oder Kälbermagen, die sauer gekocht warm, in einer Soße, oder aber auch kalt als Salat gegessen werden.
Nie, sagte sie, niemals werde ich dieses glibberige, wabbelige, scheußlich aussehende Etwas probieren, geschweige denn essen, und schon gar nicht kochen.

Da(s) is(s)t und kocht ein richtiger Alemanne ganz alleine!

Nun, die Basler Mehlsuppen Kreation konnte mich nicht zufrieden stellen und so begab ich mich auf Rezeptjagd.
Zwei Rezepte schienen mir des Nachkochens wert:

1) Badische Version
Sell Züg bruuchsch(und auf Hochdeutsch= Das wird benötigt):
Eine kleine Zwiebel in Würfele. 90gr. Butterschmalz( Ich nehme Olivenöl).
60gr. Mehl 405.1/8 Liter Rotwein. 1 Liter Rinderbrühe (Gemüsebrühe tut es auch). Evtl. Pfeffer/ Salz zum Nachwürzen.
Zum verfeinern: Saure oder süße Sahne. Gegebenenfalls geröstete Brotwürfel und oder geriebener Käse z.B.Emmentaler oder Bergkäse.

Sell arühre(und auf Hochdeutsch= So wird es gemacht):
Schmalz und Mehl in einem Topf unter ständigem Rühren hell an schwitzen. Zwiebeln dazugeben und mit rösten, bis das Mehl dunkelbraun wird. Mit dem Rotwein ablöschen (dabei Duft einatmen). Glattrühren und die Brühe dazugeben. Die Brennede aufkochen lassen.
Man kann nun nach Geschmack die Sahne zugeben. In heissen Tellern servieren und jeder Esser bedient sich selbst mit Brotwürfele und dem Reibekäse.

2) Schweizer Version aus Graubünden
Sell Züg bruuchsch(Übersetzung siehe oben):
5 Esslöffel Mehl. 3 Esslöffel Butterschmalz ( oder Olivenöl). Eine Zwiebel in feine Ringe geschnitten. Ein Liter Brühe Rind oder Gemüse. 100gr. Sultaninen. 1oogr. Alpkäse wie Bergkäse oder Greyerzer. Kein Emmentaler! Evtl. Pfeffer/Salz zum Nachwürzen.

Sell arühre(Übersetzung siehe oben):
Mehl in einer hohen Bratpfanne oder entsprechendem Topf haselnussbraun rösten. Schmalz beigeben, mit dem Mehl zerlaufen lassen. Zwiebelringe hinzufügen und mit andünsten. Mit der Brühe ablöschen. Sultaninen beigeben und alles eine ½ Std. köcheln lassen, dabei gelegentlich umrühren.
Suppe in vorgewärmten Teller servieren und mit dem Käse bestreuen.
Eine sehr interessante Version das mit den Sultaninen.

Dieses Rezept stammt von der Schweizerin Kathrin Ruegg, die jede Woche bei uns alte Rezepte vorgestellt hat.
In Abänderung habe ich das geröstete Mehl mit einem 1/8 Riesling abgelöscht (Duft einziehen nicht vergessen).

Ä Guede ( Einen guten Appetit)

Ich weiß, dass ihr dieses Rezept mit den“Suure Chuttle“ niemals nach kochen werdet, was ich auch verstehe!
Wenn öber ä moli suure Chuttle ha wöt, sellem cha i s Rezeptli übercholo.
(Wer am Rezept saure Kutteln doch interessiert sein sollte, dem sende ich es gerne zu)

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