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1958 meine erste Liebe

Von ehemaliges Mitglied 01.06.2025, 09:20

Meine letzten beiden Beiträge über die Angst vor dem Krieg waren ja wohl ein ausgesprochener Flop.
Niemand von denen, die einen Kommentar geschrieben haben, hat auch nur im Ansatz verstanden, wovon die Rede war.

Ich glaube, dass außer einer Person, von der ich weiß, dass sie den von mir eingefügten Artikel gelesen hat, sich diese Mühe gemacht hat. Wäre das aber geschehen, so bin ich mir sicher, wären die Kommentare anders ausgefallen.

Es ist wirklich sehr schade, dass selbst Menschen unseres Alters keine Zeit mehr zu haben glauben längere Texte in sich aufzunehmen, aber dennoch Wert darauf legen zu kommentieren.

Also werde ich wieder über Privates berichten und hoffe damit, gehaltvollere Gedanken in den Kommentaren vorzufinden.

Es war eine wunderschöne Sommernacht. Wir gingen durch unseren geliebten Schillerpark in Berlin-Reinickendorf. Der Jasmin duftete betäubend süß, und ein großer runder Mond schien durch die Parkbäume und beleuchtete unseren Weg. Wie mir schien, blies jemand in einiger Entfernung auf dem nahen Straßenfest den Mitternachts Blues nur für uns.

Violetta und ich gingen schweigend Hand in Hand einen etwas ansteigenden Weg entlang, der von alten Büschen gesäumt war. Wir waren beide in unseren eigenen Gedanken versunken. Ich atmete die warme Luft ein und war mir des Augenblickes bewusst, der über unser weiteres Leben entscheiden würde.

Schon seit einigen Tagen hatte ich das Gefühl, dass etwas Entscheidendes auf mich zukommen würde. Unausgesprochen stand die Frage zwischen uns, wie es mit unserer Liebe weitergehen sollte.

Vor meinem geistigen Auge ließ ich die gemeinsame Zeit an mir vorüberziehen.

Ich hatte mein Mädchen in einer Gruppe junger Leute, die in der Bristolstraße Federball spielten kennengelernt. Eine Gruppe junger Menschen, die aus gutbürgerlichen Familien stammten. Sie hatten alle Familien um die ich sie beneidete. Ich lebte zu dieser Zeit in dem nahen Jugendheim und hatte niemals eine Verwandtschaft bei der ich mich sicher und geborgen hätte fühlen können. In meiner Kindheit gab es keinen Vater, dem ich meine Nöte und Ängste hätte anvertrauen können. Meine Stiefgeschwister ließen mich ständig fühlen, dass ich ein Außenseiter war und nicht zu ihnen gehörte. Es waren vier und ich fühlte mich sehr früh als das fünfte Rad am Wagen. Ich hatte, wie ich mit Sicherheit wusste, ein Recht auf Anerkennung, Liebe und Zuneigung. Dies waren aber in meinem Umfeld Begriffe, die völlig unbekannt waren. Ich erinnere mich daran, dass ich fast täglich mit einem brennenden Schmerz in der Magengegend herumlief. Ein schwerer Stein lag mir ständig auf der Seele, der schwerer wurde, je näher ich unserem Zuhause kam. Dieses Gefühl wurde durch die Ungewissheit ausgelöst, was heute wohl wieder Schreckliches passieren würde. Es kam ständig vor, dass ich mich für etwas verantworten musste an dem ich völlig unschuldig war. Es war mir unmöglich, mich gegen Falschaussagen von vier Menschen zu behaupten. Gegen Menschen, die wissentlich die Unwahrheit sagten. Ein dumpfes Gefühl der Hilflosigkeit begleitete mich danach noch etliche Jahre meines Lebens.


Jetzt, an der Seite meiner geliebten Violetta, empfand ich dieses Gefühl wieder übermächtig. Wir blieben stehen und umarmten uns. Ich fühlte die Wärme ihres Körpers durch das leichte Sommerkleid, und ein unstillbares Verlangen nach diesem Körper überkam mich. Ihre kühlen Lippen fühlte ich auf meinen und war wieder in meiner Liebe zu ihr gefangen. Wir kannten uns fast zwei Jahre und es hatte zwischen uns nie sexuelle Kontakte gegeben. Der Unterschied unserer Herkunft und die Unmöglichkeit einer gemeinsamen Zukunft hatten in ihr, die die vernünftigere und realistischere von uns beiden war, immer die Oberhand behalten.

Dennoch verstanden wir beide uns immer auch ohne Worte. Wir mussten dem anderen nie erklären, was und wie wir etwas meinten. In meinem späteren Leben ist mir eine solche Wesenseinheit nie wieder begegnet.

Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Sie teilte mir unter Tränen mit, dass unsere Liebe enden müsse, weil ihr Vater (er war der Direktor der Osram-Glühlampenfabrik im Wedding) verlange, dass sie in absehbarer Zeit einen anderen heiraten solle.

Irgendwann weinten wir beide und so kam es schließlich, auf einer Parkbank unter einem Jasmin Strauch, zu unserem ersten und einzigen Liebesakt. Die Erinnerung daran hat mich mein gesamtes Leben begleitet. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses wunderbare Mädchen kennenlernen durfte.

In meinem Herzen brennt noch heute eine Kerze für sie ...

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