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Besuch beim HNO-Arzt

Von Nachtsterne Dienstag 21.04.2026, 10:44 – geändert Freitag 24.04.2026, 12:34

„Bitte gehen Sie noch einen Augenblick ins Wartezimmer", wurde mir gesagt. Dort hängte ich meinen neuen Mantel an die Garderobe, strich meinen Rock glatt und setzte mich mit übergeschlagenen Beinen hin. Ein schnuckeliges, modernes Wartezimmer hatte der neue HNO-Arzt. Sehr geschmackvoll eingerichtet, kühl und nüchtern, wie ich es mochte. Ich sah durch das Fenster dem Treiben auf dem Marktplatz zu. Menschen! Menschen mit Tieren, Menschen mit Kinderwagen, Menschen mit Rollatoren oder anderen Gehhilfen. Beim Beobachten dachte ich mir, dass ich Glück hatte, bislang noch ohne auszukommen.

„Frau Müller", riss mich die Sprechstundenhilfe aus meinen Gedanken, „bitte ins Zimmer 1."

Frau Müller, das war ich. Mit Vornamen Marlene – früher nannte man mich nur kurz MM. Naja, der Nickname war schon sehr geschmeichelt. Aber vor mehr als 50 Jahren fand ich, traf er zu.

Der neue Arzt war etwas jünger als ich, vielleicht Mitte bis Ende 60, hatte volles grau-weißes Haar, einen sehr gepflegten, kurz geschnittenen Bart, und sein Lächeln war entwaffnend ehrlich. Es brachte mich sofort zum Zurücklächeln. Ich sah in zwei lustig verschmitzt dreinblickende braune Augen. Augen wie flüssige Schokolade – und ich schmolz dahin. Wir sahen uns an, und ich hatte das Gefühl, Sternenstaub würde auf uns niederrieseln.

„So, was bringt Sie zu mir?" Diese männliche Stimme riss mich brutal aus meinen Träumen und brachte mich ins Stottern.

„Ich soll laut meinem Hausarzt meine Stimmbänder untersuchen lassen. Er möchte gern bei meiner weiteren Behandlung etwas ausschließen", stammelte ich vor mich hin.

„Dann schauen wir mal." Er setzte sich breitbeinig vor mich hin und zog meine Beine, zwischen seine. So weit, bis ich etwas sehr Weiches an meinem Knie spürte. Und noch etwas dichter – meine Beine waren wie gelähmt. Er sah mir in die Augen, dann auf meinen Mund und erstarrte. Was passierte hier gerade? Er versuchte etwas Konversation zu machen und versicherte mir, alles wäre mit meinen Stimmbändern in Ordnung. Total verwirrt sagte ich: „Dann tut es mir leid, Ihnen die Zeit gestohlen zu haben", und wollte mich verabschieden.

„Aber ich kann noch kurz einen Abstrich machen, um eventuelle Entzündungen auszuschließen", hielt er mich zurück. „Ja, ok, machen wir", meinte ich.

Wieder die gleiche Prozedur, nur dass er meine Beine diesmal noch ein bisschen dichter zu sich heranzog und sie zwischen seine Oberschenkel presste. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn die Sprechstundenhilfe nicht mit im Raum gesessen hätte. Ich fühlte mich wie mit 20. Und er – er war so nervös, dass er das Stäbchen mit dem Abstrich kaum in das Gläschen legen konnte.

Wir sahen uns an, und er sagte nur: „Das Ergebnis habe ich übermorgen. Ich rufe Sie an..."

„Ja danke, machen Sie das", erwiderte ich und ging raus. Ich schloss die Tür total verwirrt hinter mir. Auf dem Flur musste ich mich erstmal sammeln.

Schauen wir mal...

©Nachtsterne April 2026

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