Das Fehlerkind
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Feierabend-Mitglied
09.11.2025, 21:11
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Es war einmal ein Kind, das wohnte in einem Dorfe am Rande des Waldes. Schon früh zeigte sich in ihm eine sonderliche Freude: Es suchte Tag für Tag nach den Fehlern der anderen.
Wenn einer stolperte, wies es mit dem Finger auf ihn;
wenn einer irrte, lachte es ihn aus.
Doch war kein Fehler zu finden,
so ersann es einen,
wie ein Spinnrad seinen Faden zieht.
So sprach es zur Bäuerin: „Ich sah, wie du das Brot zu früh aus dem Ofen nahmst, gewiss wolltest du Mehl sparen!“
Und die Bäuerin schüttelte verwirrt den Kopf.
Zum Schmied rief es: „Du schraubtest das Hufeisen schief,
das Ross wird lahmen!“
Und obgleich der Schmied recht gehandelt hatte, begann er selbst zu zweifeln.
So kam es, dass das Kind das ganze Dorf in Unruhe brachte.
Jeder fragte sich, ob nicht irgendwo ein verborgener Fehler in ihm stecke,
der nur darauf wartete,
entdeckt zu werden.
Die Menschen wurden misstrauisch gegeneinander,
und das Lachen im Dorfe verstummte.
Nur das Kind lachte noch – aber sein Lachen war kalt und leer.
Da kam eines Abends ein fremder Knabe, der still durch die Gassen schritt. Er hörte die Klagen der Leute und fragte, wer die Unrast säe. Da erzählten sie ihm vom Kind, das jeden beschuldigte und selbst keine Schuld kannte. Der Knabe suchte es auf und sprach: „Warum tust du das?“ Das Kind antwortete stolz: „Damit keiner über mir stehe. Ich finde, was andere verbergen!“
Der Knabe aber sprach: „Wenn du so gern Fehler findest, so komm mit zum stillen Teich.
Dort liegen die Fehler aller offen, und du wirst sicher viele sehen.“
Vom Stolz geblendet, folgte das Kind ihm.
Als es ins Wasser blickte, sah es Bilder – zahllos, durcheinander.
Es waren all die Lügen, die es selbst gesponnen hatte:
die Bäuerin mit dem Brot, der Schmied mit dem Ross,
der Nachbar, den es der List bezichtigt hatte.
Aus jedem Antlitz trat die eigene Stimme des Kindes hervor,
spottend und höhnisch.
Es wollte davonlaufen,
doch das Wasser hielt sein Spiegelbild fest.
Da sprach der fremde Knabe: „Wer falsche Fehler sucht,
findet am Ende seine eigenen.“
Und wie der Wind über den Teich fuhr, war er fort.
Das Kind blieb zurück, bleich und zitternd.
Von jenem Tag an schwieg es lange,
ehe es sprach.
Und nie wieder legte es jemandem eine Schuld an,
die nicht auch selbst beweisen konnte.
Wer aber am Teich vorbeikommt und ins Wasser schaut, soll wohl achten: Denn manchmal zeigt es nicht das Gesicht, das hinabblickt,
sondern das eines Kindes,
das nach Fehlern sucht,
wo keine sind.