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Das Horoskop

Von Feierabend-Mitglied Freitag 02.01.2026, 20:55

Es war einmal eine Frau, die an nichts glaubte – oder zumindest glaubte sie, an nichts zu glauben. Sie nannte sich realistisch, nüchtern, frei von Aberglauben. Nur eines tat sie seltsam regelmäßig: jeden Morgen, mit dem ersten Schluck Kaffee, las sie ihr Horoskop. Nicht, weil sie es ernst nahm, wie sie sagte – sondern „aus Gewohnheit“. Denn Gewohnheiten klingen harmloser als Sehnsüchte.

„Heute könnten alte Spannungen gelöst werden“, las sie, und sie dachte an den Streit mit einer Freundin. „Bleiben Sie beharrlich, aber offen für Überraschungen.“ Und sie lächelte, halb spöttisch, halb erleichtert – als wäre da jemand, der sie sah, irgendwo im Himmel.

Eines Tages fiel ihr das auf. Warum war ihr Tag leichter, wenn ein Text versprach, er würde gelingen? Warum tat ihr ein Satz über „neue Möglichkeiten“ so gut, obwohl sie wusste, dass ihn jemand schrieb, der nichts über sie wusste – außer vielleicht, dass Menschen Hoffnung mögen?

In dieser Nacht träumte sie von einer Sternwarte hoch auf einem kahlen Berg. Dort saß ein alter Mann, der mit ruhigen Händen die Sterne bewegte – nicht am Himmel, sondern auf einem Brett wie Schachfiguren.
„Sind das die Planeten, die unser Leben lenken?“ fragte sie.
„Nein“, antwortete der Alte, „es sind die Worte, mit denen ihr euch lenken lasst.“

Sie verstand nicht.
„Die Sterne sind nur da“, fuhr er fort. „Sie drehen sich, leuchten, vergehen. Aber ihr nehmt ihre Ordnung und stülpt sie über euer Chaos. Das ist kein Glaube an den Himmel – das ist Angst vor euch selbst.“

„Aber die Sterne geben mir Trost“, sagte sie leise.
„Trost, der auf Zufall beruht, ist ein schwankendes Pflaster“, sagte der Alte. „Ihr nennt das Schicksal, was in Wahrheit nur Gewohnheit ist, Muster über das Unbekannte zu legen.“

„Und wenn ich ganz aufhöre, daran zu glauben – was bleibt dann?“
„Dann bleibt das eigentliche Wunder“, sagte der Alte. „Dass du entscheiden darfst, ohne dass es vorherbestimmt ist. Dass du Fehler machen darfst, ohne dass sie in den Planeten verzeichnet stehen. Freiheit ist kein Geschenk der Sterne – sie ist der Moment, in dem du aufhörst, ihnen etwas abzuverlangen.“

Am Morgen erwachte sie.
Der Text des Tages lautete diesmal: „Sie werden heute eine Begegnung haben, die Ihnen etwas über sich selbst verrät.“
Sie lächelte. Die Begegnung hatte längst stattgefunden – im Traum, in Gedanken, irgendwo zwischen Sternen und Selbsterkenntnis.
Zum ersten Mal ließ sie den Satz stehen, ohne ihn auf sich zu beziehen. Zum ersten Mal wog der Himmel nicht über ihr, sondern in ihr – still, klar, nicht mehr notwendig.

Und die Sterne leuchteten weiter, gleichgültig gegen ihre Fragen, treu in ihrer Bewegung. Vielleicht, dachte sie, ist genau das ihre stille Weisheit: Sie versprechen nichts. Sie sind einfach da.
Und indem sie nichts sagen, sagen sie alles.

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