Das kleine gelbe Haus
Von ehemaliges Mitglied Samstag 17.08.2024, 13:44
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Wenn Ben aus dem Fenster schaute, sah er das kleine, gelbe Haus direkt vor sich. Es strahlte eine immense Anziehungskraft auf ihn aus, seit er mit seiner Mutter vor zwei Wochen in die neue Wohnung gezogen war. Zuvor war es ihm nie aufgefallen, wenn er auf dem Weg zur Schule durch die unscheinbare kleine Straße gelaufen war. Weil die Erwachsenen nur ganz leise, hinter vorgehaltener Hand über diesen Ort sprachen, wusste er, dass es einige Rätsel barg.
Es gab aber noch eine andere Sache, die Ben beschäftigte. Sobald es dunkel wurde, fingen die Fenster an, rot zu leuchten. Und je später es wurde, desto mehr Besucher kamen in das Haus mit diesen roten Fenstern. Ben vermutete, dass es so eine Art Kneipe war. Ebenso wie die, die sich im Erdgeschoss ihres Hauses befand und immer so laute Musik spielte. Aus dem Haus gegenüber hörte er jedoch nie Musik. Das musste ja eine ganz schön langweilige Bar sein, schlussfolgerte er. Dazu passten die seltsamen Gäste, von denen viele ihr Gesicht mit einer Mütze oder Kapuze bedeckten und es kaum erwarten konnten, schnell im Inneren zu verschwinden. Allzu lange konnte er sich das Treiben abends aber nicht ansehen. Punkt 20:00 Uhr zog seine Mutter die Jalousien runter und bläute ihm unter Androhung von Hausarrest ein, sie bis zum Morgengrauen nicht mehr hoch zulassen. Wenn er wissen wollte, warum, gab sie nur zur Antwort, dass das rote Licht für einen unruhigen Schlaf sorgte. Wollte er daraufhin wissen, warum die Fenster überhaupt rot leuchteten, druckste sie herum und meinte dann genervt, dass ihn das nichts anginge. Da war Ben aber anderer Meinung. Wenn das rote Licht ihn tatsächlich schlechter schlafen ließ, dann ging ihn das sehr wohl was an. Er würde das Geheimnis hinter dem Haus mit den roten Fenstern schon lösen.
Bei seinen Streifzügen hatte Ben schon zwei Beobachtungen gemacht, von denen er hoffte, dass sie vielleicht zur Lösung des Rätsels des gelben Hauses beitragen könnten. Erstens gehörten von den sechs Wohnungen in seinem Haus zwei zu dem gelben Haus. Dort zogen im wöchentlichen Wechsel Frauen ein, die in diesem mysteriösen Haus ein und aus gingen, und die sich in Sprachen, die er nicht verstand unterhielten. Zweitens wohnten außer ihm und seiner Mutter nur komische Leute in dem Haus. Es gab keine Kinder. Über den Wohnungen im ersten Obergeschoss, die von den Frauen bewohnt wurden, wohnte außer Ben und seiner Mutter ein tauber alter Mann mit einem genauso tattrigen kleinen Hund. Über ihnen wohnte ein dürrer Kerl mit langen Haaren, dem ein Tonstudio zwei Häuser weiter gehörte, in dem er die meiste Zeit verbrachte. Ihm gegenüber lebte eine chinesische Frau, die Ben bis jetzt nur einmal gesehen hatte und die kaum da zu sein schien. Selbst mit seinen zehn Jahren ahnte er, dass an der Sache etwas faul war.
An diesem Nachmittag hatte er sich vorgenommen, endlich mal einen Blick auf das Klingelschild des gelben Hauses zu werfen. Bislang hatte er dazu noch nicht den Mut aufbringen können. Vier bis fünf Schritte davor hatte er bis jetzt immer wieder kehrt gemacht. Der Moment war perfekt. Es war still auf der kleinen Straße, auch die Fenster der umliegenden Häuser waren größtenteils geschlossen. Um keine Geräusche zu verursachen, setzte er einen Fuß vor den anderen und trat ganz vorsichtig auf. Er war schon ganz nah, als er aus dem Inneren plötzlich Schritte hörte. Das Herz rutschte ihm in die Hose. Panisch drehte er um und ging hinter einer der Mülltonnen an der Mauer in Deckung. Einen Moment später ging die Tür auf. Ein paar Pumps klackten auf dem Asphalt. Sie waren nicht mehr als zehn Schritte entfernt; dann wurde es wieder still. Ben wiegte sich bereits in Sicherheit, als mit einem Mal der Mülltonnendeckel angehoben und etwas hineingeworfen wurde. Ein kleiner Piepser entfuhr ihm. Panisch legte er sich die Hand vor den Mund. Der Deckel knallte zu und wieder hörte er Schritte, die ebenso schnell verstummten wie zuvor. Eine Weile lang wartete er ab, bis sein Herzschlag sich beruhigt hatte. Dann schielte er vorsichtig hinter der Mülltonne hervor. Sein Blick fiel auf ein paar schwarze Pumps mit roter Sohle. Die Frau saß auf der kleinen Eingangstreppe des gelben Hauses und schien nachzudenken. Als sein Blick weiter hochwanderte, sah er haselnussbraune Augen, die ihm durchdringend anstarrten. Ben erschreckte sich so sehr, dass er das Gleichgewicht verlor und rücklings umfiel. Sein Kopf prallte gegen die Betonmauer und er schrie laut: „Aua!“
Einen Moment später stand die Frau mit den braunen Augen über ihm und sah ihn mitleidvoll an. „Alles gut bei dir, Junge?“ „Hast du dir wehgetan?“, fragte sie und reichte ihm die Hand. Mechanisch streckte er den Arm aus und ließ sich hochziehen. Er war so gebannt von der Schönheit dieser Fremden, dass er kein Wort herausbekam. Sie erinnerte Ben an eine Mischung aus Pocahontas und Schneewittchen, wie er sie in den Zeichentrickfilmen von Disney gesehen hatte. Ihr schwarzes Haar war kurz über den Schultern abgeschnitten, ihre Haut leicht braun. Sie trug einen seidenen Mantel, aus dem die Unterarme herausschauten, zu den schwarzen Pumps. Auf dem linken Arm befanden sich einige Tattoos, ebenso auf ihren Beinen. Gerade als sich ein Wort auf seinen Lippen formen wollte, spürte er, wie ihre Hand über sein Haar strich.
„Nur kleine Beule“, stellte sie fest, als sie seinen Hinterkopf befühlte. Das tat ein bisschen weh, aber Ben wollte sich nichts anmerken lassen. Also atmete er tief ein, streckte die Brust heraus und verkündete: „Hat gar nicht wehgetan!“
Die Frau lächelte. Ich heißen Mona“, sagte sie schließlich und hielt Ben die Hand hin.
„Ich heiße Ben“, antwortete er stolz und schüttelte die zarte Hand so fest er konnte. Mit dem Widerstand, der dann folgte, hätte er nicht gerechnet. Mona drückte so fest zu, dass er vor Schmerz aufschrie. Als er die Hand wegzog, ließ sie los und lachte. Ben schüttelte beschämt die kleine Hand, um den Schmerz loszuwerden.
„Ich bin stark, weißt du, Kleiner. Männer sind nie drauf vorbereitet, wenn ich so fest zudrücken. Tut mir leid! Das Reflex. Komm, ich pusten …“, versuchte sie Ben zu besänftigen. Der jedoch zog beleidigt die Hand weg und versteckte sie in seiner Hosentasche. Sein Schmollen bewegte Mona noch mehr. Ihr entfuhr ein erniedrigendes „Ohh!“, was Ben noch wütender machte. Grimmig starrte er sie an, dann streckte er die Zunge heraus.
„Das nicht nett sein, Ben! Na gut, wir machen Frieden. Hier, willst du Lollipop?“
Wie aus dem Nichts zauberte sie einen Lollipop mit Erdbeergeschmack aus dem Mantel. Ben beäugte das Friedensangebot misstrauisch. So einfach ließ er sich doch nicht kaufen. Aber was macht sie denn???
Mona packte den Lolli aus, blickte Ben konzentriert ins Gesicht, zielte und schob ihn ohne Vorankündigung einfach in seinen Mund. Der wusste gar nicht, wie ihm geschah. Völlig verdattert versuchte er zu protestieren, doch das süße Aroma lullte ihn ein. Da wurde er plötzlich ganz sanft und sah Mona etwas verliebt an.
Am Abend lag Ben in seinem Bett und dachte an Mona. Von draußen schien schwach das rote Licht von gegenüber durchs Fenster.
Seine Mutter kam wie immer pünktlich ins Zimmer, um die Jalousien herunterzulassen. Er beachtete sie nicht, ließ sie ganz ohne Protest das Zimmer abdunkeln. Auf einmal spürte er, wie sich die Matratze an seinen Beinen nach unten senkte, dann strich sie ihn mit ihrer Hand über den Kopf. „Bist du krank?“, drang ihre Stimme in seine Gedanken.
„Ich bin doch nicht krank“, Mama. „Ich muss nachdenken.“
Sie wurde misstrauisch. „Hat es etwa wieder mit dem Haus da drüben zu tun?“
„Und wenn schon …“, erwiderte Ben genervt und drehte sich zur Seite. Er hasste die Geheimnistuerei seiner Mutter, von Mona und all den anderen Erwachsenen, die es nicht für angemessen hielten, anständig mit ihm zu reden. Immerzu gab es Streit deswegen. Anstatt ihn aufzuklären, machten die stets so einen Terz um das Thema.
„Was soll’s?“, dachte sich Ben, sie würde es ja eh irgendwann hinausbekommen und holte tief Luft, bevor er mit kurzer, abgehackter Stimme sagte: „Hab heut mit einer der Frauen von drüben geredet.“ „Du hast was?“, fragte seine Mutter ungläubig.
„Ich habe mit Mona, von dem gelben Haus mit den roten Fenstern geredet, die ich nie sehen darf“.
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