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Das Versprechen

Von Feierabend-Mitglied Freitag 02.01.2026, 14:10

In einem fernen Königreich, zwischen drei Bergen und einem silbernen See, lebte ein junger Bäcker namens Linus. Er war nicht reich, nicht berühmt und nicht besonders stark, aber jeder im Dorf sagte: „Auf Linus’ Wort kann man sich verlassen.“ Denn was er versprach, das hielt er – bis auf den letzten Krümel.

Eines Abends, als der Himmel rot wie Ofenglut brannte, kam eine verhüllte Frau in seine Backstube. Ihre Stimme klang leise, aber fest: „Backe mir bis zum Morgengrauen ein Brot, das nie verdirbt. Im Gegenzug verspreche ich dir: Von morgen an wirst du nie wieder Mangel leiden.“ Linus zögerte. Ein Brot, das nie verdirbt? So etwas hatte er noch nie gemacht. Aber die Frau sah ihn mit ernsten, dunklen Augen an, und schließlich nickte er. „Ich verspreche es“, sagte er.

Die Frau legte eine kleine, dunkle Saatkapsel auf den Tisch. „Mische nur ein einziges Korn davon in deinen Teig“, erklärte sie. „Doch höre gut zu: Teile dieses Brot morgen mit denen, die es am nötigsten haben. Wenn du dein Versprechen hältst, wird mein Versprechen wahr.“ Dann verschwand sie so lautlos, wie sie gekommen war.

Linus mahlte, knetete und schwitzte die ganze Nacht. Er backte ein Brot, das golden wie die Morgensonne aus dem Ofen stieg und einen Duft verströmte, der ihm fast die Tränen in die Augen trieb. Es war, als habe man den Geruch der Kindheit, der Sicherheit und des Frühlings in eine Kruste eingeschlossen. Er schnitt eine kleine Ecke ab, um zu prüfen, ob es gelungen war – und merkte, dass das abgeschnittene Stück nicht kleiner wurde. Wo er schnitt, wuchs es nach, als wäre das Brot ein lebendiger Berg aus warmem Teig.

„Ein unendliches Brot“, flüsterte er erstaunt.

Am Morgen stellte Linus das Brot auf einen Karren und fuhr ins Dorf. Zuerst gab er der alten Marta etwas, die oft hungrig zu Bett ging. Dann den Waisenkindern, die vor Freude um den Karren tanzten. Jeder Biss machte das Brot wieder heil, als sei nichts davon genommen worden. Die Menschen staunten, segneten Linus und priesen seine Güte.

Doch das Gerücht von dem wundersamen Brot verbreitete sich schneller als der Duft aus seinem Ofen. Noch am selben Tag klopfte der Dorfvorsteher an seine Tür. Er lächelte breit, doch seine Augen blieben kalt. „Linus, mein guter Freund“, begann er, „mit diesem Brot könnten wir große Geschäfte machen. Stell dir vor, welche Händler aus fernen Ländern kommen würden! Gold und Silber würden in dein Haus strömen. Versprich mir, dass du von nun an nur noch uns das Brot gibst, damit wir die Verteilung regeln.“

Linus dachte an die verhüllte Frau, an ihr Versprechen und seine eigenen Worte. „Ich habe versprochen, es mit denen zu teilen, die es am nötigsten haben“, antwortete er. „Das will ich zuerst erfüllen.“

Der Vorsteher lachte leise. „Du bist ein guter Bäcker, Linus, aber ein schlechter Rechner. Wenn du unser Angebot annimmst, wirst du reicher sein als der König. Verlass dich auf mein Wort.“ Er legte Linus eine schwere Hand auf die Schulter. „Überleg es dir. Ich komme morgen wieder. Bis dahin teile nur ein wenig, damit nichts verschwendet wird.“

In dieser Nacht konnte Linus nicht schlafen. Das Brot stand in der Backstube und duftete friedlich vor sich hin. Doch in seinem Kopf kämpften zwei Stimmen. Die eine flüsterte: „Halte dein Wort. Du hast es armen Menschen versprochen, auch wenn niemand dich kontrolliert.“ Die andere zischte: „Der Vorsteher ist mächtig. Widersetzt du dich, wirst du alles verlieren. Außerdem hat er doch auch ein Versprechen gegeben.“

Als der Morgen graute, warteten bereits viele Menschen vor seiner Tür: die Alte, die Kinder, die Tagelöhner, deren Löhne oft zu spät kamen. Linus öffnete zögerlich. Seine Hände lagen auf dem warmen Brot. Plötzlich erschien der Vorsteher mit einigen Männern. „Nun, Linus“, sagte er laut, damit es alle hören konnten, „wie lautet deine Entscheidung?“

Linus sah in die Gesichter der Wartenden. Einige wirkten hoffnungsvoll, andere misstrauisch. Er erinnerte sich an seine eigenen Worte in der Nacht, als er das Brot geformt hatte: „Ich verspreche es.“ Da wusste er, was zu tun war.

Er hob das Messer und schnitt ein großes Stück vom Brot ab. „Dieses Brot gehört allen, die Hunger haben“, sagte er. „Ich habe es euch versprochen.“ Er begann zu verteilen, Scheibe um Scheibe, und das Brot blieb immer gleich groß.

Der Vorsteher lief rot an. „Du törichter Bäcker! Du brichst dein Wort mir gegenüber! Du wirst das bereuen.“ Doch als er nach dem Brot greifen wollte, verbrannte er sich die Finger. Die Kruste des Brotes war unter seiner Hand plötzlich heiß wie glühende Kohle. Er schrie auf und wich zurück.

In diesem Moment erschien die verhüllte Frau wieder, diesmal für alle sichtbar. „Ein gebrochenes Versprechen gegen ein gehaltenes“, sprach sie ruhig. „Linus hat seinem ersten Wort die Treue gehalten. Dein Versprechen aber war leer, Dorfvorsteher, denn du dachtest nur an dich.“

Sie wandte sich an das Volk. „Ein Versprechen ist wie ein unsichtbares Band. Wird es gehalten, trägt es euch; wird es gebrochen, schneidet es euch in die Haut.“ Ihre Gestalt begann zu leuchten, und viele erkannten, dass sie keine gewöhnliche Frau war, sondern der Geist des alten Brunnens, der einst das Dorf mit Wasser versorgt hatte.

„Von heute an“, fuhr sie fort, „wird das Brot nur dort erscheinen, wo ein Versprechen aus ehrlichem Herzen gegeben und gehalten wird.“ Sie berührte das Brot, und es verwandelte sich in einen einfachen Laib – groß genug für alle, aber nicht unendlich.

Die Menschen teilten das Brot miteinander. Jeder nahm nur so viel, wie er brauchte, denn sie hatten gesehen, wie schnell ein Versprechen missbraucht werden konnte. Der Vorsteher aber trug noch lange die roten Male an seiner Hand, und wenn man ihn fragte, wie er sie bekommen habe, antwortete er nur: „An einem Tag, an dem mein Wort leichter war als Brot.“

Linus blieb der Bäcker des Dorfes, doch von jenem Tag an achtete er mehr denn je darauf, nur das zu versprechen, was er wirklich halten konnte. Und die Leute sagten nicht nur: „Sein Brot ist gut“, sondern auch: „Sein Wort ist besser als Gold.“

So lernte das ganze Königreich, dass ein eingehaltenes Versprechen manchmal wundersamer ist als jede Magie – und ein gebrochenes Versprechen schwerer wiegt als ein Stein in der Kruste eines Brotes.

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