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Der Erfinder des Lichts

Von Feierabend-Mitglied Montag 17.11.2025, 16:48 – geändert Montag 17.11.2025, 16:50

Es war einmal ein Mensch, der die Welt betrachtete und sie nicht verstand. Die Sonne ging auf und unter, das Meer schlug an die Küsten, die Bäume wuchsen, die Menschen bauten und verloren wieder – und doch schien in all dem kein Sinn zu liegen. Sie liebten und vergaßen, lachten und stritten, glaubten zu wissen, und doch tasteten sie blind.

Der Mensch hieß Arem. Er lebte in einer kleinen Stadt am Rand eines weiten Landes. Er arbeitete, wie alle anderen, und sprach, wie alle sprachen. Aber wenn die Nacht kam und die Stimmen verstummten, saß er still bei seinem Fenster und beobachtete die Dunkelheit. Sie erschien ihm ehrlich. Sie tat nicht so, als verstünde sie die Welt.
Eines Abends, während draußen der Regen fiel und das Dach leise sang, sprach Arem zu sich selbst:
„Wenn die Welt keinen Sinn hat, dann will ich ihr einen schenken. Vielleicht muss man etwas erfinden, das größer ist als man selbst.“

Da nahm er Papier und Feder und schrieb, ohne recht zu wissen, was seine Hand führte:
„Es gibt ein Wesen, das alles sieht und alles liebt. Es ist das Licht. Es wohnt in allem, was atmet, und seine Gegenwart verwandelt selbst die Nacht in Hoffnung.“

Als er das schrieb, fühlte er Frieden. Zum ersten Mal war sein Herz nicht leer. Es war, als hätte er einen Funken gefunden, der irgendwo schon immer glühte.

Am nächsten Tag erzählte er einem Kind von seiner Idee. Das Kind hörte ihm zu, als lausche es einem Geheimnis. Und als Arem endete, sagte es leise: „Dann gibt es also einen Grund, gut zu sein?“
„Vielleicht,“ sagte Arem, „vielleicht ist das Licht einfach der Grund, warum wir uns nicht verlieren.“

Das Kind ging davon und erzählte es weiter, und so wanderte Arems Gedanke von Mund zu Mund, von Herz zu Herz. Bald sprachen viele von dem Licht. Sie entzündeten Kerzen, wenn jemand starb, und sagten, das Licht führe ihn heim. Sie zündeten Kerzen, wenn ein Kind geboren wurde, und sagten, das Licht heiße es willkommen.

Arem sah dies und staunte. Seine Worte hatten Wurzeln geschlagen, und er begriff: Gedanken können lebendig werden, wenn man sie mit Sehnsucht nährt.

Doch mit der Zeit geschah etwas Seltsames. Einige Menschen begannen zu sagen, sie wüssten mehr über das Licht als andere. Sie sagten, das Licht verlange Opfer. Sie sagten, das Licht strafe jene, die zweifeln. Und die Menschen glaubten ihnen, weil es einfacher war, einem Befehl zu folgen, als in sich selbst das Licht zu suchen.

Arem erschrak. Er ging zu ihnen und sagte:
„Das Licht liebt, es richtet nicht.“
Aber sie lachten:
„Du hast es erfunden, doch wir dienen ihm. Was weiß ein Erfinder schon von seiner Schöpfung?“

Da schwieg Arem. Er sah, dass seine Idee aus seiner Hand geglitten war. Sie hatte Flügel bekommen – doch sie flogen, wohin er nicht wollte.

In den Jahren, die folgten, wandelte sich der Glaube an das Licht. Wo früher kleine Flammen in Fenstern brannten, standen nun große Tempel. Menschen beteten, kämpften, opferten. Viele sagten: „Das Licht will, dass wir ihm alles geben.“ Wenige erinnerten sich, dass das Licht ihnen einst alles geschenkt hatte.

Arem zog sich zurück. Er lebte still am Rand der Stadt, und nur selten fragte jemand nach ihm. Doch manchmal kam ein Kind, das seine Geschichten hören wollte, und dann lächelte er wieder kurz.

Eines Tages jedoch, als er älter war und sein Haus vom Wind umflüstert wurde, besuchte ihn ein junger Mann. Er war neugierig, voller Glauben und Zweifel zugleich.
„Man nennt dich den Erfinder des Lichts,“ sagte der Jüngling. „Sag mir: Gibt es das Licht wirklich?“

Arem schwieg lange. Dann sprach er:
„Wenn du es in dir trägst, dann ja. Wenn du es suchst, um geführt zu werden, dann wirst du nur Schatten finden.“
„Aber warum glauben dann so viele an etwas, das vielleicht nicht ist?“ fragte der Junge.
Arem legte ihm die Hand auf die Schulter. „Weil sie hoffen. Hoffnung ist manchmal stärker als Wahrheit.“

In dieser Nacht ging Arem hinaus. Es war still, die Welt lag wie gehüllt in ein unsichtbares Tuch. Der Mond stand über einem See, der das Himmelslicht spiegelte, als gehörte es ihm.

Arem setzte sich ans Ufer, und zum ersten Mal seit langer Zeit sprach er zu seinem eigenen Geschöpf:
„Licht, das ich erfand, lebst du nun ohne mich? Hast du dich über mich erhoben – oder warst du immer da, und ich war nur dein Gefäß?“

Das Wasser antwortete nicht. Aber der Wind legte sich, und eine sanfte Helligkeit schimmerte über der Fläche, als sei sie ein einziges, atmendes Herz.

Da verstand Arem: Das Licht war nie etwas, das man erschaffen konnte. Es war immer da – unberührt von Worten, unbesessen von Glauben.

Er lächelte, und in diesem Lächeln lag Friede. Er wusste, dass Gedanken nur Samen sind. Manche wachsen zu Blumen, andere zu Dornen. Doch beides stammt aus derselben Erde.

Am nächsten Morgen lag der See still. Die Menschen fanden Arems Bank leer, doch auf dem Wasser schwamm seine kleine Laterne, und sie brannte noch.

Man sagt, die Flamme sei nie erloschen. Heute nennen sie sie das ewige Licht. Sie glauben, es stehe für die Güte der Götter. Nur wenige wissen, dass es von einem Menschen stammt, der Sehnsucht hatte – und sie mit der Welt teilte.

Wenn der Abend kommt und du in die Dunkelheit blickst, dann erinnere dich: Das Licht, das du suchst, wartet nicht am Himmel. Es wartet in dir, still wie eine Kerze, die nicht gesehen werden will – nur verstanden.



© F.R.K.

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