Der Kontinent Mob und das Land Niretia
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 30.10.2025, 16:44
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In einem fernen Winkel der Welt, verborgen zwischen Bergen, die niemals denselben Schatten warfen, lag das Land Nirethia. Niemand konnte genau sagen, wie man dorthin gelangte. Manche behaupteten, der Weg entstünde nur, wenn man im Traum zu lange schwieg. Andere sagten, es sei kein Land aus Stein und Erde, sondern ein Ort, geboren aus den unausgesprochenen Gedanken der Menschen.
Wie es auch sei – wer einmal dort ankam, wurde empfangen mit einem Lächeln. Die Bewohner waren freundlich, zuvorkommend, einander in vollkommener Harmonie verbunden. Ihre Städte schimmerten im Morgenlicht, als seien sie aus Glas, und in den Gärten blühten Pflanzen, die nach Erinnerung dufteten. Doch das Bemerkenswerte war nicht ihre Schönheit, sondern ihre Stille.
Die Menschen sprachen leise, in kurzen, wohlüberlegten Worten. Ein Satz zu viel konnte ein Sommerregen sein – oder ein Gewitter. Niemand warnte die Neuankömmlinge davor, denn Warnungen waren selbst riskant. Stattdessen beobachtete man, lächelte, nickte. Man ließ die Fremden selbst lernen, was man hier nicht tat, nicht fragte, nicht sagte.
So gelang auch Lian nach Nirethia, eine Reisende mit leichtem Gepäck und schwerer Neugier. Sie hatte Geschichten aus tausend Ländern gehört, war durch Städte gezogen, in denen alles erlaubt war und nichts heilig. Als sie die glänzenden Tore von Nirethia erblickte, glaubte sie, endlich Frieden gefunden zu haben.
Zuerst erschien ihr alles bezaubernd. Die Menschen halfen einander ohne Worte, verstanden Gesten wie alte Freunde. In den Nächten tanzten sie lautlos unter schwimmenden Lichtern, deren Farbe sich nach den Blicken der Anwesenden änderte. Lian fühlte sich willkommen, doch sie begriff das Flüstern, das Schweigen und die plötzlichen, unerklärten Pausen nicht.
Am dritten Tag geschah es. Während eines Festes auf dem großen Platz, wo die Bewohner in weißen Gewändern lachten, bemerkte Lian das Fehlen einer Melodie. Sie wollte helfen, rief ein Wort hinaus – ein einfaches, unschuldiges Wort. Sofort fiel Stille über das Volk wie ein Schatten. Die Gesichter, eben noch freundlich, erstarrten. Kein Mensch bewegte sich. Dann drehten sich alle von ihr weg, einer nach dem anderen.
Lian stand allein. Niemand erklärte ihr, was geschehen war. Nur das Schweigen blieb, dicht und schwer wie Nebel. Als sie versuchte, mit jemandem zu sprechen, wandte man sich ab. Nach einer Zeit begriff sie, dass Worte in diesem Land gefährlicher waren als Messer.
So lernte sie, still zu sein. Und sie sah, dass alle Neuankömmlinge denselben Weg gingen: Erst sprachen sie, dann verstummten sie. Manche lächelten, manche weinten lautlos. Doch früher oder später erlosch jede Stimme.
Die Alten nannten es den Einklang. Sie sagten, erst im Schweigen finde die Seele Ruhe. Und vielleicht war es wahr – denn in Nirethia gab es keinen Streit, keine Wut, kein Chaos. Nur makellose, unendliche Stille.
Und wenn der Wind durch das Land zog, klang es manchmal so, als flüsterten die Berge selbst: Schsch – hier spricht man nicht.