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23 10

„Der Tag, an dem Gott das Update drückte“

Von Feierabend-Mitglied vorgestern, 21:21 – geändert vorgestern, 21:29

Es war einer jener Tage im Himmel, an denen selbst die Ewigkeit gähnte. Die Harfen spielten ihr endloses Halleluja wie ein Radio, das niemand mehr ausschalten konnte, und die Engel sangen pflichtbewusst den Refrain der Unsterblichkeit.
Gott thronte auf seinem Platz, die Stirn in die Hand gestützt, und beobachtete das Universum mit müdem Blick – wie jemand, der alle Staffeln seiner Lieblingsserie zehn Mal gesehen hat und trotzdem weiterzappt.

„System läuft stabil“, meldete Gabriel.
„Das ist ja das Problem“, seufzte Gott. „Seit fünf Billionen Jahren kein einziger Absturz. Keine Spannung, keine Wendung. Ich erkenne mich selbst nicht wieder – ich war Schöpfer, jetzt bin ich Wartungspersonal.“

Er griff nach seiner Tasse – #1 God – Infinite Edition stand darauf – und nahm einen Schluck lauwarmen Kaffee. In tiefer Ferne explodierte ein Stern: makellos, symmetrisch, planmäßig langweilig.

„Vielleicht war Perfektion ein Fehler“, murmelte er.
Dann öffnete er das himmlische Kontrollfeld. Auf dem Schirm blinkte:
„Welt 1.0 – reagiert nicht. Neu starten?“
Ein leises Seufzen, ein Klick.

Die Sphären flackerten. Sterne hielten den Atem an. Und unten auf der Erde wachte ein Mann schweißgebadet auf.

Elios hieß er – Philosoph, Nachtwanderer, notorisch schlaflos. Er hatte eine Stimme gehört: nicht donnernd, nicht bedrohlich, sondern erschöpft.
„Ich bin das System und brauche ein Update.“

Am nächsten Morgen stand er auf dem Marktplatz. Die Menschen eilten an ihm vorbei, Smartphones in den Händen, Köpfe voller Termine.
„Hört mich an!“, rief Elios. „Der Herr hat gesprochen! Die Ewigkeit ist zu alt, die Welt braucht einen Neustart!“
Einige lachten. Andere filmten ihn.
Nur ein Kind fragte: „Und was passiert dann?“
„Dann“, sagte Elios mit einem seltsamen Lächeln, „dürfen wir endlich endlich sein.“

Noch am selben Abend begannen die Uhren zu spinnen. Sekunden dehnten sich, Minuten sprangen, Tage zerfielen in Stücke. Niemand schlief gleich lang, niemand wachte zur selben Stunde auf. Die Welt wurde unregelmäßig – lebendig.

Während die Menschen rätselten, schob sich ein Licht über den Himmel. Kein Blitz, kein Gericht – nur ein warmes, erschöpftes Glühen. Eine Stimme sprach, klar und mild:
„Ich habe gesehen, wie Ewigkeit sich selbst verbraucht. Nun will ich das Ende versuchen. Also: lebt, liebt, vergeht. Das war von Anfang an der Sinn.“

Elios verschwand an diesem Tag. Manche sagten, er sei entrückt worden. Andere meinten, er sei einfach weitergegangen, bis er den Rand der Zeit fand.

Unterdessen saß Gott auf seiner Wolke, nippte an seinem Tee und betrachtete Welt 2.0.
Gabriel trat zu ihm. „Sie scheinen es zu begreifen, Herr. Sie lernen wieder zu sterben.“
Gott lächelte leicht. „Gut so. Ich habe ihnen das Unendliche gegeben – und sie wussten nichts damit anzufangen. Vielleicht verstehen sie jetzt, warum man nur liebt, wenn etwas vergeht.“

Er sah hinunter auf sein Werk – chaotisch, begrenzt, voller kleiner Fehler. Es war wundervoll.
„Vielleicht“, murmelte er, „erschaffe ich nächstes Mal Stille. Nur Stille. Und nenne sie Frieden.“

Am Horizont der neuen Welt erschien sanft eine goldene Schrift, kaum sichtbar im ersten Sonnenlicht:
„Version 2.0 installiert – Neustart erfolgreich.“
Epilog – Am Ende der Endlichkeit

Jahrtausende später, als Welt 2.0 sich langsam ihrem Ablaufdatum näherte, erwachte Elios wieder – oder etwas, das von ihm übrig war. Er fand sich in einem Raum ohne Sterne, ohne Klang, ohne Zeit. Und neben ihm stand eine Gestalt, alt wie alles und jung wie der Anfang.

„Du bist also gekommen“, sagte Gott.
Elios nickte. „Ich wollte nur wissen, ob es Ihnen auch gefällt, endlich zu enden.“

Gott lächelte. „Es fühlt sich… richtig an. Ein wenig wie Schlaf nach zu langer Arbeit.“
„Und was kommt danach?“
„Vielleicht gar nichts“, antwortete der Herr. „Vielleicht nur Ruhe – das schönste, was selbst ich nie zustande brachte.“

Sie saßen nebeneinander im Schweigen. Nach einer Weile fragte Elios:
„Bereuen Sie nichts?“
„Nur, dass ich die Ewigkeit zu ernst genommen habe“, sagte Gott. Dann lachte er, ein Lachen, das warm und endlich war.

Und so verblassten beide – Schöpfer und Geschöpf, Idee und Versuch – in eine Ruhe jenseits von Licht und Klang. Nur ein letzter Satz hallte nach, leise, fast menschlich:

„Endlichkeit war die beste Idee, die Ich je hatte.“

© F.R.K





Das Bild wurde mit Hilfe von KI erstellt

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