Der Traum
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Feierabend-Mitglied
Freitag 12.09.2025, 20:41
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Du schreist. Der Klang ist roh, reißt dir fast den Hals auf. Es riecht nach Metall in deinem Mund, als hättest du Blut geschmeckt, auch wenn du keines siehst. Doch das Schlimmste ist nicht dein Schrei – es ist das Echo. Ein tausendfaches Toben, das nicht nur dein Trommelfell überrennt, sondern durch den ganzen Körper dröhnt, vibrierend in Brustkorb und Magen, als hätte der Boden selbst begonnen zu atmen.
Deine Kehle brennt, jeder Atem reißt wie Feuer durch die trockene Röhre. Der Geruch von kaltem Schweiß hängt dir in der Nase, sauer, schwer, fast erstickend. Um dich herum – Gesichter, die deinen Geruch, deine Angst, dein Stöhnen teilen. Männer, Frauen, Kinder, alt und jung. Alle mit deinem Gesicht, deinem Blick.
Du rennst. Jeder Aufprall deiner Füße auf den Asphalt lässt eine Vibration durch deinen Körper jagen, die in Tausenden Kehlen widerhallt. Das Dröhnen der Sohlen, dieses Hämmern, hallt so dicht an dicht, dass es sich anhört wie ein einziger Schlag – ein Herz, das zu groß ist für diese Welt. Mit jedem Schritt reißt der Schmerz in deinen Beinen höher, wie Messer, die heiß in die Knochen schneiden.
Deine Hände sind feucht, die Finger klebrig vom Schweiß, der zwischen ihnen zusammen sickert. Du wischst ihn ab, verzweifelt an deinem Shirt – doch ringsum tun es unzählige andere im selben Moment, die Luft erfüllt vom scharfen, fast beißenden Geruch angstgetränkter Haut.
Dein Atem wird heiser, knirschend, jeder Zug ist wie Staub, der in deine Lungen gedrückt wird. Der Geschmack der Luft ist bitter, trocken, unbarmherzig. Du hustest, röchelst, und sofort röchelt die ganze Stadt um dich herum, als hätte dich die Welt selbst verschluckt und in tausendfachem Widerhall ausgespien.
Du stolperst. Das Pflaster unter dir ist rau, brennt wie Sandpapier durch deine aufgerissene Haut. Der Aufprall schleudert Staub auf, ein grauer, trockener Nebel, der sich in dein Gesicht legt, in deine Augen, auf deine Lippen. Du schmeckst Erde, schmeckst das Salz der Tränen, die sich damit mischen. Überall stürzen sie – dein Körper vervielfältigt, deine Schmerzen als vielstimmiger Chor des Leidens, so schrill, dass dir das Trommelfell fast platzt.
Dein Herz rast. Es hämmert mit dumpfen, pochenden Schlägen, so gewaltsam, dass du spürst, wie dein Brustkorb zu klein dafür ist. Deine Hände zittern unkontrolliert, verkrampfen, als wären sie nicht mehr deine. Du presst sie auf den Boden, damit sie Halt finden, doch der Stein ist nassgeschwitzt vom Abdruck unzähliger Hände, deiner Hände, kalt und klebrig zugleich.
Ein Schrei bricht wie ein Feuer aus dir hervor, rau, voller Schmerz, und sofort bricht dieselbe Flut von Stimmen los. Deine Ohren pfeifen, bis du das Gefühl hast, zu zerreißen. Die Luft schmeckt plötzlich nach Eisen. Alles verschwimmt. Schwärze ergießt sich über dich.
Du wachst auf.
Die Welt liegt still und dunkel um dich. Kein Schrei, kein Echo. Nur dein Atem – wild und viel zu laut, aber nur einer. Dein T-Shirt klebt an deiner Haut, triefend vor Schweiß. Kalte Feuchtigkeit läuft dir den Rücken hinab, als wärst du in einem fremden Körper gefangen. Du riechst dich selbst, scharf und beißend – ein Geruch, der dich zugleich beruhigt, weil er nur dir gehört.
Du setzt dich aufrecht, jede Bewegung schwer, deine Muskeln zittern, als hättest du wirklich stundenlang gehetzt. Dein Herz hämmert noch immer, aber in einem einzigen, vertrauten Rhythmus. Kein Chor. Nur dein Schlag, dein Körper.
Mit zitternden Fingern tastest du nach dem Schalter. Klick. Licht überflutet den Raum. Es blendet, sticht, zwingt dich, die Augen zusammenzukneifen. Nach Sekunden erkennst du dein Zimmer – die Wand, den Stuhl, den Spiegel. Dein Spiegelbild schaut zurück: blass, die Haare klamm am Kopf. Nur du.
Doch du erstarrst. Ein Zucken in deinen Augen. Für einen Moment, kürzer als ein Atemzug, meinst du, viele Augenpaare im Glas funkeln zu sehen – Schatten des Traums. Dein Brustkorb schnürt sich zu. Der Luftzug darin stockt. Du blinzelst – und der Spuk verschwindet. Nur du.
Du erhebst dich langsam, deine Knie weich, als wären sie noch nicht überzeugt vom Erwachen. Du gehst zum Fenster, öffnest es. Ein kalter Schwall Nachtluft strömt herein. Er trägt die Gerüche mit sich: nasses Laub, ferne Abgase, ein Hauch von Rauch, die feuchte Schwere einer Stadt im Schlaf. Du atmest tief, deine Lungen brennen, doch diesmal ist es süß. Kühl. Rund. Dein Körper entspannt sich, jeder Atemzug kühlt die Hitze des Schreckens.
Der Wind fährt dir über die Haut, trocknet den Schweiß, lässt ein Kribbeln auf den Armen zurück. Du spürst die Kühle wie eine sanfte Hand, die dich zurück ins Jetzt trägt. Du lehnst dich hinaus, fühlst das Eisen des Fensters kalt gegen deine Finger. Deine Brust hebt und senkt sich – ruhig, nur für dich, kein Echo.
Und mit jedem Atemzug erkennst du: Ja, du bist allein. Aber es ist eine kostbare Art von Alleinsein. Dein Körper gehört dir, dein Atem ist deiner, dein Herzschlag ist deine Melodie. Der Traum hat dich mit dir selbst erdrückt, bis es unerträglich wurde. Doch das Erwachen lässt dich die kostbare Wahrheit spüren: dass dein Einzigsein dich trägt, dass du mehr bist, weil du genug bist.
Die Kälte auf deiner Haut weicht, zurück bleibt Wärme, die aus deinem Inneren kommt. Kein Meer von Stimmen, keine Wellen aus Schmerz. Nur diese eine Stimme, dieses eine Herz.
Du gehst zurück ins Bett, spürst die Decke auf deiner Haut, weich, fast so, als wiege sie dich. Du atmest einmal lang und tief. Der Geruch vertrauter Wärme, der Stoff, der dich umhüllt, dein eigener Körper – all das erzählt dir, dass du hier bist, gegenwärtig, einzigartig.
Als du die Augen schließt, ist da kein Albtraum mehr. Nur die Ruhe deines Atems. Nur du. Und das ist genug.