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Ein Märchen

Von Feierabend-Mitglied Freitag 07.11.2025, 15:38

In einem Land, das längst aus den Karten der Welt verschwunden ist, lebte eine Frau namens Sirenia. Sie wohnte am Rand des Meeres, wo das Wasser bei Sonnenuntergang rotgolden schimmerte und die Stimmen der Wellen Geschichten aus alten Zeiten erzählten. Ihr Antlitz war von solcher Schönheit, dass Reisende innehielten, wenn sie an ihr vorbeiging, und selbst die Alten flüsterten, sie müsse vom Mond geboren sein. Doch Sirenia trug eine Stille in sich, die tiefer war als jeder Ozean. Denn seit ihrer Jugend umgaben sie Blicke, die sie bewunderten, aber keiner, der sie verstand.

Sie lebte allein in einem Haus aus hellem Kalkstein, das auf einer Klippe stand. Nacht für Nacht sah sie hinaus auf das Meer, fühlte den Wind in ihrem Haar und wünschte sich, dass jemand käme, der sie nicht begehren, sondern ihre Seele berühren würde.

Eines frühen Abends, als die Sonne im Westen wie flüssiges Feuer unterging, kam ein Fremder ins Dorf. Sein Mantel war vom Staub der Straßen bedeckt, und in seinen Augen lag die Ruhe des Himmels nach einem Sturm. Er nannte sich Levan, ein Wanderer, der, wie er sagte, nach verlorenen Liedern suchte. Als er Sirenia erblickte, blieb er still. Er schwieg lange, ehe er leise sprach: „Du bist wie ein Lied, das man nur einmal hört und nie vergisst.“

Diese Worte trafen ihr Herz, nicht durch Schmeichelei, sondern durch Wahrheit. Fortan begegneten sie sich täglich – erst zufällig, dann mit leisen Erwartungen. Sie gingen am Strand entlang, sprachen wenig, doch jedes Schweigen füllte sich mit Verstehen. Levan sah sie nicht als die Frau, die andere begehrten, sondern als Wesen aus Feuer und Schmerz, Licht und Schatten.

Doch das Glück der beiden weckte eine alte Macht aus ihrem Schlaf. In den Tiefen des Waldes, weit jenseits des Dorfes, wohnte die Hexe Malvera, einst eine Priesterin der Liebe, später vom Neid verzehrt. Einst hatte sie selbst einen Mann geliebt, der ihr entrissen worden war – und in Sirenia sah sie das Abbild dessen, was sie verloren hatte. In der Nacht des Vollmonds sprach Malvera einen Fluch: „Wie du verführst, so sollst du verlieren. Nur wer das Herz der Wahrheit findet, wird erlöst von Sehnen und Schmerz.“

Am Morgen fand Sirenia sich allein wieder; Levan war verschwunden, als hätte ihn die Erde verschluckt. Nur eine Spur aus weißen Rosen führte hinaus in die Wildnis. Von Verzweiflung getrieben, schwor Sirenia, ihn zu suchen, koste es, was es wolle.

So begann ihre Reise. Sie durchquerte Felder, die von Nebel bedeckt waren, wanderte durch dunkle Wälder, deren Bäume flüsterten, und überquerte Berge, auf deren Gipfeln selbst der Wind schwieg. Auf ihrem Weg begegnete sie dem Wolf der Wahrhaftigkeit. Sein Fell war grau wie Asche, seine Augen wie Feuer. Er sprach: „Wenn du Wahrheit suchst, wirf deine Maske nieder. Nenne deinen wahren Namen.“

Sirenia schwieg, denn sie hatte nie gewusst, wer sie jenseits ihrer Schönheit war. Doch als ihr Tränen über die Wangen liefen, verstand sie: Ihr wahrer Name war ihr Herz selbst. „Ich bin nicht ihre Verführerin“, flüsterte sie. „Ich bin Sirenia, die Liebende.“ Der Wolf neigte den Kopf und ließ sie passieren.

Am zweiten Tag erreichte sie den Fluss des Mutes. Das Wasser war kalt wie Eis, und unzählige Spiegelungen ihrer selbst trieben auf der Oberfläche, jede flüsterte Zweifel: „Du wirst scheitern. Du bist schwach. Du warst nie mehr als ein schönes Spielzeug der Welt.“ Sirenia stand zitternd am Ufer, bis sie begriff, dass Mut nicht heißt, ohne Angst zu sein, sondern sie zu durchqueren. So trat sie hinein und ging, Schritt für Schritt, bis das Wasser still wurde.

Am dritten Tag fand sie den Spiegel der Seele, verborgen in einer Höhle aus Kristall. Dort sah sie nicht nur ihr Antlitz, sondern jedes Lächeln, das sie je vorgetäuscht, jede Liebe, die sie abgewiesen hatte. Es war, als stünde sie sich selbst gegenüber – nackt, verletzlich, echt. Und sie sagte: „Ich vergebe mir.“ Der Spiegel zersprang, und aus seinem Licht erblühte ein Tor, das zu einem Garten führte.

Inmitten dieses Gartens wuchs eine einzige Blume – die silberne Rose. Ihr Duft war wie Atem, ihr Schimmer wie der Mond. Sirenia pflückte sie mit bebenden Händen. In der Ferne erklang ein Lied, das sie kannte: Levans Stimme, sanft und fern wie der erste Ton eines erwachenden Tages.

Als sie ihm folgte, erkannte sie, dass der Garten sich auflöste, das Licht zu Morgen wurde – und vor ihr stand Levan, lebendig, in seinen Augen Liebe ohne Maß. „Du hast mich gefunden“, sagte er. „Nein“, antwortete sie lächelnd, „ich habe mich selbst gefunden.“

Sie kehrten gemeinsam zurück. Die Menschen im Dorf sahen sie von Weitem und meinten, sie leuchteten wie zwei Flammen im Wind. Sirenia sprach fortan mit Milde; sie half denen, die ihr Herz verloren hatten, und wurde zur Hüterin des Gartens der Wahrheit, der nur im Traum erreichbar war.

Und wenn nachts der Mond auf das Meer scheint, sieht man manchmal zwei Gestalten, die Hand in Hand über das Wasser gehen – Sirenia, die Verführte und Erlöste, und Levan, der Liebende, der wartete.

Man sagt, wer sie sieht, dem flüstern sie nur ein einziges Wort zu: Wahrheit – denn ohne sie bleibt selbst die größte Liebe nur ein schöner Traum.

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