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Ein Versprechen

Von Feierabend-Mitglied Freitag 29.08.2025, 18:10


Damals im Kindergarten hatten sie zusammen auf der kleinen Holzbank gesessen, zwischen bunten Bauklötzen und mit klebrigen Händen voller Keksbrösel. Anna und Lukas. Sie waren vier, vielleicht fünf, als sie sich eines Tages auf dem Pausenhof verschworen hatten, dass sie „immer Freunde bleiben“ würden. Es war ein Kinderversprechen, wie es so viele gab – mit ernsten Mienen, besiegelt durch Händeschütteln. Niemand hätte gedacht, dass dieser winzige Moment sich einprägen und Jahrzehnte später ein Echo finden würde.

Die Jahre zogen jedoch an ihnen vorbei. Anna zog mit ihren Eltern aus der Stadt, Lukas blieb zurück. Da war kein Brief, kein Foto, kein Wiedersehen. Nur ein leiser Schatten aus Kindheitstagen, so schwammig wie der Geruch nach Bastelkleber und Sommerluft im Kindergartenraum.

Anna wurde Lehrerin, und obwohl sie zufrieden war, blieb ihr Herz ein wenig sehnsüchtig. Abende, an denen sie nach einem langen Schultag am Fenster stand, über die Dächer schaute und sich fragte: Gibt es da draußen jemanden, der mich längst kennt, besser als ich mich selbst?

Lukas hingegen war Ingenieur geworden, ein stiller, geerdeter Mann. Auch er fühlte manchmal eine unbestimmte Leere, die sich nicht so recht füllen ließ. In ihm blitzte hin und wieder ein Bild auf: ein Mädchen mit Sommersprossen und Zöpfen, das ihn einst angeschaut hatte, als wäre er die ganze Welt.

Und dann, so unscheinbar, wie es nur das Leben kann, geschah es.

Es war ein verregneter Samstag. Anna wollte eigentlich gar nicht mehr ins Café gehen, aber ihre beste Freundin hatte sie überredet. Das „Kaffeekränzchen“ war ein kleines, warmes Lokal voller Bücherregale und dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Als sie die Tür öffnete, tropfte der Regen von ihrem Schirm, und ihr Blick glitt kurz über den Raum.

Dort saß Lukas.

Sie erkannte ihn nicht sofort, schließlich waren aus den Kindergesichtern längst Erwachsene geworden. Aber da war etwas an seiner Haltung, dem leicht geneigten Kopf, das sie zögern ließ. Als er zufällig aufsah und ihre Blicke sich trafen, passierte etwas Eigenartiges: beide hielten den Atem an.

„Haben… haben wir uns schon mal gesehen?“ fragte er, als sie schließlich, von einem inneren Impuls getrieben, an seinem Tisch stehen blieb.

Sie lachte unsicher. „Das klingt verrückt, aber… ich glaube, ja.“

Ein paar schweigende Sekunden später kam die Erinnerung wie ein Blitz. „Warst du… damals im Kindergarten St. Marien?“

Er nickte langsam, fast ungläubig. Und auf einmal war da etwas zwischen ihnen, etwas Altes, Zartes, das nie wirklich verschwunden war.

Sie setzten sich, bestellten Kaffee, und was als zögerliches Gespräch begann, wurde bald zu einem unaufhaltsamen Strom von Erinnerungen und Gedanken. Alles passte, fast beängstigend nahtlos. Keine Anstrengung, keine peinlichen Pausen – nur das Gefühl, nach langer Wanderung endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem man bleiben möchte.

Als der Regen nachließ, liefen sie nebeneinander durch die nassen Straßen. Lukas blieb irgendwann stehen und blickte sie an. „Weißt du noch, dass wir uns damals etwas versprochen haben?“

Anna runzelte die Stirn, dann weitete sich ihr Lächeln. „Dass wir immer Freunde bleiben. Mit Handschlag und sehr ernst.“

„Vielleicht,“ sagte er leise, „sollten wir daraus jetzt etwas Neues machen.“

Ein Windstoß wehte ihre Haare ins Gesicht, doch sie spürte nichts außer der Wärme seines Blicks. „Und was stellst du dir vor?“ fragte sie.

Er zuckte mit den Schultern, ein wenig unsicher, und doch voller Aufrichtigkeit. „Vielleicht… dass wir nicht mehr so viele Jahre verlieren. Dass wir einfach sehen, wohin es uns führt. Gemeinsam.“

Anna spürte ein leises Zittern in ihrer Brust, ein süßes Ziehen, das vertraut und aufregend zugleich war. Sie griff nach seiner Hand, so selbstverständlich, als hätte sie seit Kindertagen nur darauf gewartet.

Es war kein Hollywood-Moment mit großem Pathos, sondern etwas viel Besseres: schlicht, echt und still. Zwei Menschen, die einmal einander begegnet waren, sich verloren hatten und nun, gegen jede Wahrscheinlichkeit, wiederfanden.

Und als sie gemeinsam weitergingen, war ihr klar, dass dieses alte Kinderversprechen, so unschuldig damals gegeben, auf eine Weise doch erfüllt worden war. Denn manchmal braucht es Umwege, Jahre des Suchens und Verlierens, damit man erkennt, was von Anfang an bestimmt war.

So begann ihre Geschichte – nicht mit einem Feuerwerk, sondern mit einem stillen Wiederfinden, einem Lächeln im Regen und der Gewissheit, endlich angekommen zu sein.

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