Ein weißes Kaninchen
Von
cinque
Samstag 06.12.2025, 12:10
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In Haus Nummer 7 in der Lindenstraße wohnt der kleine Nils.. In diesem Jahr, in der stillen Zeit vor Weihnachten, hat er einen Wunsch, einen Herzenswunsch.
„ Lieber Nikolaus,
Ich wünsche mir so sehr ein kleines weißes Kaninchen,
Nils , Lindenstraße 7 Bitte Bitte “
So schrieb er sorgfältig und in großer Kinderschrift seinen Wunschzettel. Zur Sicherheit schrieb er zwei Wunschzettel, denn Opa sagt immer: „Doppelt hält besser.“ Einen Zettel heftete Nils an die kleine Tanne vor dem Haus, geschmückt mit dem ersten Schnee des Dezembers. Den anderen aber trug er zum Dorfteich, wo die mächtige Trauerweide steht. . Ihre langen, silbrigen Zweige hingen bis zum Wasser hinab, und wenn der Wind durch sie flüsterte, klang es, als würden sie Geschichten erzählen. Die Leute im Dorf sagten, die Weide sei ein Wunschbaum. Und Nils glaubte fest daran. Er band seinen Zettel an einen tiefhängenden Zweig.
Der Wind und der Traum treffen sich gern bei der Weide. Der Wind entdeckt den Zettel. Der Traum konnte gerade noch verhindern, daß der Zettel wegflog. Und dann lasen sie den Wunschzettel vom kleinen Nils. „Wo liegt denn das Problem“, der Wind war praktisch veranlagt. „Wir bringen den Zettel einfach zu Bauer Gerke. Der hat doch den Streichelzoo und liebt Kinder.“ „Oh ja“, der Traum war begeistert, „das machen wir.“ Und ehe man sich versah, wirbelten sie davon – der Wind und der Traum durch die kalte, klare Winternacht, dem Glück eines kleinen Jungen entgegen.
Bauer Gerke war früh auf den Beinen.. Noch vor Sonnenaufgang machte er sich eine Tasse Tee und ging dann zum Briefkasten. Dort lag meistens nur Reklame, doch heute lag da etwas anderes. Ein kleiner, sorgfältig gefalteter Zettel lag da, ein wenig zerzaust vom Wind, aber noch gut lesbar. Er rückte seine Brille zurecht und las: „Ich wünsche mir so sehr ein kleines weißes Kaninchen.“ Ein Lächeln huschte über sein wettergegerbtes Gesicht. „Na, das ist aber ein schöner Wunsch“, murmelte er. Und dann fiel ihm etwas ein. In seinem kleinen Streichelzoo lebte tatsächlich ein weißes Kaninchen, das kleinste und scheueste von allen. Die anderen Kinder mochten lieber die frechen, neugierigen Kaninchen, die Möhre aus der Hand fraßen. Aber das kleine Weiße, das immer in der hintersten Ecke saß, hatte noch niemand wirklich beachtet. „Vielleicht ist das ja genau das richtige für diesen Nils“, dachte Bauer Gerke.
Am Nachmittag machte er sich auf den Weg zur Lindenstraße, mit einer kleinen Holzkiste auf dem Gepäckträger seines Fahrrads, gut ausgepolstert mit Heu und einem Möhrenstückchen darin. Das Kaninchen war still, aber nicht ängstlich. Er klingelte bei Haus Nr. 7. Es dauerte einen Moment, dann öffnete eine Frau mit einem freundlichen, aber überraschten Blick. „Guten Tag, ich bin Bauer Gerke. Ich glaube, ich habe hier etwas für einen kleinen Jungen namens Nils.“ Gerade als sie nachfragen wollte, kam Nils selbst um die Ecke geschossen, mit schneeverschmierten Handschuhen und roten Wangen. „Ooooh!“, rief er, als er die Kiste sah. Dann sah er Bauer Gerke an. „Ist das… ist das für mich?“ Der Bauer nickte. „Ich glaube, jemand hat mir deinen Wunschzettel gebracht.“ Nils' Augen wurden groß. Er nahm die Kiste ganz vorsichtig entgegen und beugte sich zu dem kleinen, weißen Knäuel im Heu. Das Kaninchen blinzelte ihn an – und zu aller Überraschung hoppelte es direkt in seine Arme, als hätte es auf ihn gewartet. „Ich werde gut auf dich aufpassen“, flüsterte Nils. Und so begann eine wunderbare Freundschaft – zwischen einem kleinen Jungen, einem weißen Kaninchen, dem Wind, dem Traum, ein bisschen der alten Trauerweide am Teich und nicht zu vergessen Bauer Gerke.