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Gerlinde farewell

Von cinque Mittwoch 29.10.2025, 11:07


Geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Er schob seinen Hut verwegen nach hinten, warf lächelnd die Zigarette ins Gleisbett. Dem Himmel sei Dank, Gerlinde ist weg. Monate voll Selbstbeherrschung und Mordgedanken lagen hinter ihm. Er hatte gezweifelt, ob sie wirklich gehen wird, aber dann ist sie, wenn auch wort- und grußlos, in den Zug gestiegen. Die Gefahr, daß sie es sich bis zum nächsten Halt anders überlegt, aussteigt und morgen wieder da ist, die Gefahr bestand leider.
Nein, daran wollte er nicht denken. Er verließ die Halle, überquerte beschwingt den Bahnhofsvorplatz, nahm sich ein Taxi zu seiner Stammkneipe Zur scharfen Kurve, hier warteten seinen Freunde.
„Hey Herbert, alles gut gegangen?“
Herbert setzte sich zu seinen Freunden an den Tisch. „Sie ist weg, ich hab's bis zum letzten Moment nicht geglaubt, habe gewartet, bis der Zug endlich aus der Halle war.“ Eine Runde für alle. Die alkoholisierte Aufarbeitung der seelischen Qualen des bedauernswerten Herbert ließ erst das Ausmaß seines Martyriums erkennen. Herbert lebte glücklich und zufrieden mit seiner neuen Liebe Angela zusammen, bis Mutter Gerlinde zu Besuch kam und feststellte, diese Frau ist nichts für ihren Bubu. Der Haushalt eine Katastrophe, mediterrane Küche, pah, Unsinn ihr Bubu liebt immer noch die Küche seiner Mutter. Nein, wie er rumläuft, das geht ja überhaupt nicht. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihren Sohn vor dem totalen Desaster zu bewahren, sie muss hier einziehen, nicht nur um den Haushalt zu perfektionieren, vielmehr um diese indiskutable Angela zu illuminieren. Diese Frau hat kein Niveau, paßt nicht zu ihrem Bubu, Angela muss weg. Über das wie machte sie sich keine Gedanken, sie hat Erfahrung. Von nun an lief alles in geordneten Bahnen.
Herberts temperamentvoller Angela gefiel das ganz und gar nicht, und sie sagte das auch in ausdrucksstarken Worten. Ach Herbert, er wäre am liebsten abends nicht mehr nach Hause gekommen. Dort warteten zwei Frauen auf ihn, die eine temperamentvoll, die andere mißverstanden leidend. Sehr oft saß er jetzt mit seinen Freunden in der Kneipe. Die hörten verständnisvoll zu, die nahmen Anteil. Das tat so gut.
Freund Kurt hatte nach einem Bier zu viel die Lösung: „Mensch Herbie, schmeiss sie doch raus, deine Mutter, du bist doch schon erwachsen.“ Genau, Herbie, deine Freunde stehen dir zur Seite. Sie redeten und redeten und malten es sich und ihm in den schönsten Farben aus, mit Angela zu zweit daheim.
Herbert gestärkt durch Bier und Schnaps und Zuspruch der Freunde „Herbie, Herbie“ machte sich entschlossen auf den Heimweg. Wie erwartet, saßen sie in der Küche, seine zwei Frauen entschlossen, Klage zu führen.
Heute war alles anders, heute war tabula rasa angesagt. Herbert suchte Halt am Kühlschrank und sprach zu seinen Frauen: „Ein für allemal, ich bin es leid dieses ewigen Weiber-Gezicke, Mutter, du packst deine Koffer und morgen fährst du nach Hause. Ich will keinen Widerspruch, hörst du. Und außerdem, ich bin nicht mehr dein Bubu, es hat sich ausgebubut.“ Sprach's , ließ zwei sprachlose Frauen zurück und fiel in voller Montur ins Bett.
Am nächsten Tag standen zwei Koffer in der Diele. Herbert begleitete seine schweigende und ihn keines Blickes würdigende Mutter zum Nachtzug – eine selbstverständliche nette Geste oder etwa nur, um sich zu vergewissern, daß Mutter auch wirklich in den Zug steigt. Er blickte noch lange den roten Schlusslichtern nach - sicher ist sicher.
In die Annalen der Familiengeschichte ist dieser Tag als Tag der Lieblosigkeit und Undankbarkeit des kleinen Bubu eingegangen.

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