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Mal wieder Karnevall

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 29.01.2026, 16:45 – geändert Donnerstag 29.01.2026, 17:41

Über die Langweiligkeit der befohlenen Karnevalsfröhlichkeit

Es ist wieder so weit. Die Republik zieht sich eine rote Nase an, schnallt sich bunte Flügel um, und selbst der nüchternste Beamte hat plötzlich einen Luftschlangen-Tick. Es ist Karneval, also gilt das landesweite Gebot: Fröhlich zu sein – koste es, was es wolle. In den Büros stellt man Sekt hin, der schmeckt wie Alka-Seltzer, auf den Straßen dröhnt die Polonaise, und überall verkündet die Lautsprecheranlage: Spaß! Jetzt sofort!

Doch wehe dem, der nicht mitmacht. Wer an diesem fünften Jahreszeit-Donnerstag ohne Konfettirest im Haar zur Arbeit erscheint, gilt als Spielverderber, Kulturbanause oder – schlimmer noch – humorlos. Humorlosigkeit ist in diesen Tagen das wahre gesellschaftliche Tabu. Du darfst traurig sein, zynisch, sogar wütend – aber nie unlustig.

Dabei war der Karneval früher einmal das Gegenteil von Vorschrift. Ein anarchischer Befreiungsschlag gegen starre Ordnung, Hierarchie und das glatte Gesicht des Alltags. Heute wirkt das alles so perfekt organisiert, dass man fast den Eindruck bekommt, selbst die Narretei habe jetzt Dienstplan und Sicherheitskonzept.
Fröhlichkeit auf Befehl allerdings hat denselben Charme wie ein Witz, den der Chef selbst erzählt – und dann als einziger lacht.

Man erkennt den Zwang besonders deutlich an den Verkleidungen. Da ziehen Menschen ihre Latexkostüme wie Rüstungen an und marschieren in die Schlacht gegen das eigene Desinteresse. Die Stimmung wird über das Niveau der Lautstärke geregelt: je müder die Party, desto höher der Dezibelpegel. Ein Kompensationsmechanismus, der inzwischen fast schon Diagnosecharakter hat.

Vielleicht liegt es daran, dass wir Fröhlichkeit längst nicht mehr als Gefühl, sondern als gesellschaftliches Ziel begreifen. Sie steht in der Werbung, in Motivationsseminaren, ja selbst auf Social Media als Grundhaltungspflicht. Der Karneval ist nur ihr überdrehtes Symbol – ein Spiegel, der uns zeigt, wie schlecht uns spontane Lebensfreude gelingt, wenn sie normiert wird.

Und am Aschermittwoch? Da ist natürlich alles wieder vorbei. Bis dahin bleiben noch ein paar Tage, um beim „Heiterkeitsdienst“ pflichtbewusst zu lächeln. Vielleicht aber sitzt irgendwo in der Menge jemand, der sich seine Maske vom Gesicht zieht, den Papphut in den Abfall wirft und denk: „Endlich darf ich wieder ernst sein.“
Das wäre, man muss es so sagen, wahrscheinlich der fröhlichste Moment der ganzen Saison.

Vielleicht ist Karneval die ehrlichste Farce überhaupt: eine Veranstaltung, bei der niemand wirklich Spaß hat, aber alle behaupten, sie hätten ihn – um nicht die Pointe der eigenen Lebensfreundlichkeit zu verpassen.

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