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Na ja, ein bisschen übertrieben ...

Von tastifix Samstag 05.10.2024, 14:28 – geändert Samstag 02.11.2024, 21:36

Es war ja angesagt worden. Tag und Nacht schneite es, mal in dicken, mal in kleinen Flocken segelte die kalte Pracht zur Erde. Öfters aber wirbelte sie auch starker Wind wüst umher.

Am ersten Tag bewunderte ich durchs Fenster noch jenes weiße Treiben, neben mir meine Tochter, die sich gleichfalls daran nicht sattsehen konnte.
„Wahnsinn, Mama, wie ´ne Märchenlandschaft!“
„Ja, haben wir hier, glaub ich, nur selten gehabt!“
„Sieht wunderschön aus! Mir tun nur die Vögel leid!"

Anderntags verteilte ich etwas Futter auf dem Rasen. Zum Glück erinnerte ich mich noch, wo der - von der Terrasse gesehen - in etwa anfing und bis wohin er reichte, denn es war keine einzige Grasspitze mehr zu sehen. Die Piepmätze zeigten sich von der Luxustafel begeistert und veranstalteten geflügelte Kaffeekränzchen, an denen sich sogar die Männchen beteiligten. Anscheinend ließ der Hunger sie selbst das weibliche vielfache Piepen um sie herum vergessen.

Am dritten Tag dann betrachtete ich das Schneewunder schon weit weniger euphorisch. Ich wohne nämlich im äußersten Süden Düsseldorfs, weit ab von der City, sozusagen fast hinter dem rheinischen Mond.
´Wenn das so weitergeht, krieg ich hier Hausarrest!`
Und die weißen Bällchen fielen unaufhörlich dicht an dicht. Auf dem Terrassentisch wuchs der Schneeberg in beinahe beängstigender Schnelligkeit.
„Unglaublich, nich?“, meinte ich zum Papa meiner Kinder. „Du, auf dem Tisch liegen mindestens 60 cm Schnee!“
„Quatsch, höchstens 40!“
Ich traute den Augen nicht. Er stapfte tatsächlich in den Garten und maß mit dem Zollstock nach. Mit Triumph in der Stimme erklärte er:
„39 cm!“
„Also nee, sind viel mehr!Sieht nen Blinder mit nem Krückstock!“ - ´Typisch Mann!!`
Weihnachten rückte rasch näher und es galt viel zu besorgen. Eine Torte, mehrere Kuchen und jede Menge Plätzchen standen auf dem Programm. Wegen der Zutaten hätte ich wirklich fast 90Minuten bis zum nächsten größeren Einkaufszentrum zu marschieren, denn hier in unserem Stadtteil war Aldi bereits fast leer gekauft worden und Bahnen und Busse würden entweder nur mit großer Verspätung eintreffen oder gar ausfallen. Sicherheitshalber griff ich mir die ältesten Boots, die ich besitze. Sie trugen außer der erwünschten Profilsohle leider zusätzlich sehr auffällige Leuchtstreifen. Ich hatte die Schuhe von meinen Töchtern geerbt, die wohl nicht mehr als wandelnde Laternen herum laufen wollten.

„Hoffentlich ists nicht glatt!“
„Mama, nimm auf jeden Fall Dein Handy mit und gib mir Bescheid, wenn ich Dich abholen soll!“
Gute Idee! Damit befand ich mich auf der sicheren Seite.
In der Zeitung stand, wie toll Düsseldorf das Schneechaos im Griff habe, inklusive des Streuens der Straßen. Der Journalist musste ein anderes Düsseldorf gemeint haben. Nun ja, den schmalen Weg zu unserem Haus hätten wir selber streuen müssen, die kleine Zufahrtsstraße ebenfalls, aber dazu wars jetzt zu spät. Beide, Straße und Weg glänzten in makellosem Weiß. Die breiteren Fahrwege mit Streugut zu versehen, wäre Afufgabe der Stadt gewesen. Nichts! Und an die Mär, es stünde kein Salz mehr zur Verfügung, glaubte ich nicht so recht.
„Hm, könnte die ja anrufen und ihnen mein Salz aus der Küche anbieten!“
Doch dafür war es mir denn doch zu schade.

Gekleidet wie ein Eskimo trat ich aufs Eingangspodest. Allein dies bedeutete schon ein waghalsiges Unterfangen, denn verschmierte Steine sind rutschig. Nach drei mutigen Schritten landete ich im Schnee. Rechts von mir etwa 1m hoch aufgetürmt, links von mir genauso. Dazwischen ein Trampelpfad kristallrein weiß, platt getreteten und dehsalb ausgesprochen glatt. Mit Trippelschritten wie eine Balletttänzerin überwand ich den Weg bis zur Zufahrtsstraße. Bei deren Anblick allerdings dachte ich vage an Umkehr.

„Nein, keine Torte usw. kommt nicht in Frage!"
Zentimeter für Zentimeter kämpfte ich mich durch die Schneehügel am Straßenrand vorwärts. In den Fahrspuren zu laufen, wäre einem Möchtegern-die-Beine-brechen-Versuch gleichgekommen. Wenige Minuten später musste ich leider die Straßee überqueren. Sonst wäre ich nie und nimmer im Einkaufszentrum gelandet.

Den Blick starr auf den Boden heftend, nutzte ich selbst die winzigen Schneehuckel als Antirutsch-Rettungsanker und mogelte mich so auf die andere Seite. folgte einer Kurve und durfte aufatmen. Selten nur habe ich Sand an den Schuhen so jubelnd begrüsst. Erleichtert spazierte ich etwas flotteren Schrittes weiter.
Doch eine halbe Stunde später war Schluss mit lustig. Es wurde noch glatter. Erneut am Straßenrand entlang stolpernd, freute ich mich über jeden Meter, den ich ohne Arm- und Beinbruch hinter mich brachte. Es machte geradezu enormen Mut.

„Hallo, seien Sie vorsichtig! Dort vorn wird es spiegelglatt! Ich wäre fast gefallen!“
Die mir entgegen kommende Frau hielt nur noch mit Mühe die Balance. Mir plumpste das Herz in die Hose.
´Ich schaff das!`, suggerierte ich mir.
Umzukehren wäre ja auch zu dämlich gewesen.
Wirklich erreichte ich unbeschadet die Geschäftszone und stürzte mich ins Gewühl. Es machte seinem Namen alle Ehre und wühlte dermaßen, dass ich kurz darauf fast eine Viertelstunde in der Warteschlange vor der Kasse ausharren musste. Es war die einzige, die anderen Sechs waren nicht besetzt. In Gedanken versunken schaute ich nach draußen:
„Ach Du meine Güte!“
Es schneite und wehte wie verrückt - eine einzige weiße Wand! Frustriert trat ich den Heimweg an, schlinderte hier, rutschte dort und marschierte zögerlich weiter. Von allen Seiten wurde mir der Schnee in die Augen und auch in die Nase gepeitscht. Es kribbelte furchtbar, ich nieste, kramte mit halberfrorenen Fingern nach einem Tempo, stopfte es mit zittriger Hand zurück in die Tasche und zog mir die Kapuze so weit wie möglich ins Gesicht.

Sehr bald reichte mir der kräftezehrende Kampf gegen das Schneetreiben in dem eisigen Wind und ich rief meine Tochter an. Doch das Handy streikte: Keine Verbindung! Mittlerweile lag der Schnee oberschenkeltief. Klitschnass bis auf die Haut, mit klappernden Zähnen und Händen und Füßen, die ich kaum mehr fühlte, schaufelte ich mich keuchend wie ein Maulwurf durch die weißen Berge.

Dreißig Minuten später dann blieb ich erschöpft stehen:
´Ruf mich an!`,fiel mir ein. `
Ich griff ein zweites Mal das Handy. Diesmal hatte ich Glück.
„Ja, Mama?“
„Kannst Du mir entgegen kommen?“
„Wo steckst Du denn?"
„Auf halber Strecke!"
„Okay, ich versuch es!“
Ich wartete und wartete. Dann ein Rückruf:
„Mama, die Garage ist halb zugeschneit und ich krieg das Tor nicht auf!"
„So ein Mist!“
Mir kam die rettende Idee:
„T., mach Dir jetzt ja keine Sorgen. Notfalls bau ich mir hier nen Iglu und ernähre mich von Nüssen, Backpuvler und Vanillezucker!!“
Keine Antwort! Gut nur, dass sie sich dazu ausschwieg und ich also ncht erfuhr, was sie in diesem Moment von ihrer Mutter dachte.

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