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Nebel

Von cinque Mittwoch 12.11.2025, 18:23

Nebel

Die alte Trauerweide am Dorfteich ist das Zuhause des kleinen Morgennebels und seines großen Bruders der Novembernebel. Großer Bruder hat sein Vergnügen auf den Autobahnen, Landstraßen, Flughäfen. Unser kleiner Morgennebel würde viel lieber mit den Kindern in die Schule gehen. Oft war er schon vor dem alten Schulgebäude an der Kirche, aber immer nur vor den Fenstern. Er wäre doch so gern dabei gewesen. Er hätte sich neben den kleinen Nils gesetzt, der mochte er leiden., der hätte ihm bestimmt geholfen. Der kleine Nebel muss ja noch viel lernen. Er lauschte den Stimmen der Kinder, Er mochte es, wenn sie lachten, besonders, wenn Nils lachte – das klang für ihn wie Sonnenlicht in Tropfenform.
Eines Morgens war es besonders kalt. Der Schulhof glänzte vor Raureif, und in der Luft lag dieses leise Knistern, das nur der Winter kennt. Die Kinder kamen mit Mützen und dicken Schals. Doch heute war etwas anders.Nils kam nicht. Der kleine Nebel wartete. Eine Stunde, dann zwei. Die Glocke läutete, die Fenster beschlugen, doch Nils’ Platz blieb leer. Unruhig zog der kleine Nebel durch die Straßen. Irgendetwas zog ihn. Eine Ahnung, ein Gefühl – vielleicht auch nur Hoffnung. Und tatsächlich: Am Ende der kleinen Lindenallee, am Haus mit der blauen Tür, da lag Nils im Bett, blass sah er aus. Der kleine Nebel wagte es. Ganz vorsichtig schob er sich durchs gekippte Fenster, legte sich wie ein Hauch auf Nils’ Decke. Und siehe da – Nils lächelte, „Da bist du ja“, murmelte er, als hätte er gewusst, dass jemand kommt. Von diesem Tag an wusste der kleine Morgennebel, dass er nicht nur Zuschauer war. Er konnte trösten, und vielleicht sogar Freund sein. Nicht laut, nicht auffällig, aber ganz echt. Und manchmal, wenn die Kinder später in der Pause auf dem Hof lachend Fangen im Nebel spielten, dann lächelte der kleine Nebel, vielleicht, war er doch ein kleines Teilchen der Klasse geworden.

Der große Novembernebel dagegen war nicht wie sein kleiner Bruder. Er war mächtig, schwer und manchmal ein wenig düster. Wenn er kam, dann kam er mit Nachdruck. Er legte sich auf Autobahnen, behinderte den Flugverkehr oder hüllte ganze Landstriche in trübes Schweigen. Aber was wussten sie schon? Sie wussten nichts von der Arbeit, die es machte, so viele Felder zu bedecken, so viele Städte zu besuchen. Nichts von der Einsamkeit, die einem anhaftet, wenn man nur als Störung wahrgenommen wird. Und sie wussten nichts von seiner Sorge um den kleinen Bruder. Der kleine Morgennebel war viel zu zart für diese Welt. Immer wieder sprach er von den Kindern, von der Schule, vom Nils mit den lachenden Augen. Der große Bruder hatte anfangs gelächelt. Ach, dieser kleine Träumer. Doch mit der Zeit wurde aus dem Lächeln ein Stirnrunzeln, dann ein Seufzen. Was, wenn der Kleine nie verstehen würde, dass Nebel flüchtig, vergänglich, ein Hauch zwischen zwei Welten sind?
An einem besonders tristen Novembertag stand der große Novembernebel allein am Rand des Dorfteichs, wo die alte Weide ihre Äste wie müde Finger ins Wasser tauchte. Er beobachtete, wie der kleine Morgennebel sich wieder in Richtung Schule aufmachte. „Er wird enttäuscht werden,“ murmelte der große Bruder. Er seufzte schwer, als wolle er die ganze Welt in diesem Seufzer zusammenfassen.
Am Abend kam der kleine Bruder zurück – nicht bedrückt, nicht verträumt, sondern zufrieden. Etwas in ihm war anders. Er schwebte nicht mehr so flatterhaft, er wirkte … erwachsen. „Nils war krank,“ sagte er leise. „Ich bin zu ihm. Ich war bei ihm. Und er hat mich gesehen. Er hat mich gespürt, er hat gelächelt.“ Der große Bruder wollte etwas sagen, etwas Kluges, etwas Beschützendes. Aber da war nichts, was diesem Moment gerecht wurde. Also nickte er nur. langsam.. Vielleicht, ja vielleicht konnte aus dem kleinen Morgennebel doch noch etwas werden. Kein großer Nebel, keiner, der Autobahnen lahmlegte oder Flüge verzögerte. Sondern etwas ganz anderes. Etwas, das bleibt – nicht sichtbar, sondern im Herzen. In dieser Nacht, zwischen den Ästen der alten Weide, legte sich der große Novembernebel etwas weicher als sonst auf das Dorf, es war fast wie eine Umarmung.

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