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Zu zweit?

Von Feierabend-Mitglied Samstag 13.06.2026, 11:50

Es war einmal ein junger Schneider namens Kilian,
der lebte in einem Königreich tief hinter den sieben Bergen.
Kilian war ein kluger Mann,
doch er hatte eine Schwäche:
er konnte sich niemals entscheiden.
Ob es um die Farbe eines Stoffes oder die Zukunft des Reiches ging – er schwankte stets wie ein Schilfrohr im Wind.
Eines Tages ging Kilian im finsteren Wald spazieren,
um Kräuter zu sammeln.
Dort stieß er auf die alte Hexe Morwena,
die am Wegrand saß und eine schwere Holzkiste schleppte.
„Hilf mir,
junger Mann“,
krächzte sie.
„Und ich belohne dich.“
Kilian zögerte.
Einerseits tat ihm die alte Frau leid.
Andererseits hatte er Angst,
betrogen zu werden.
Er wog die Argumente minutenlang ab,
ging einen Schritt vor,
einen zurück und murmelte unentschlossen vor sich hin.
Da verlor die Hexe die Geduld.
Ihre Augen blitzten zornig auf.
„Du unschlüssiger Tropf!“,
schrie sie.
„Wenn du dich nicht entscheiden kannst,
dann sollen fortan zwei Stimmen in dir sprechen!
Aber damit du niemals Frieden findest,
werde ich deine Gedanken spiegeln!“
Sie schwang ihren Zauberstab,
ein grüner Blitz zuckte auf,
und Kilian brach bewusstlos zusammen.
Als er am nächsten Morgen erwachte,
war sein Hals doppelt so schwer.
Auf seinen Schultern saßen nun zwei Köpfe.
Der Fluch der Hexe war perfide:
Auf seiner rechten Schulter saß ein Kopf mit linker Gesinnung.
Er trug eine rote Samtmütze,
blickte stets mitleidig auf die Bettler und rief unentwegt:
„Teilt das Korn der Reichen!
Alle Menschen sind gleich!
Der König muss seine Schatzkammern öffnen!“
Auf seiner linken Schulter hingegen saß ein Kopf mit rechter Gesinnung.
Er trug ein strenges,
blaues Barett,
blickte hochmütig auf die Händler und schimpfte:
„Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!
Wer nicht arbeitet,
soll auch nicht essen!
Ordnung und Tradition schützen unser Land!“
Kilian selbst hatte keinen dritten Kopf mehr,
der entschied.
Er war nur noch der Körper,
der die beiden tragen und ihre ewigen Debatten ertragen musste.
Die Hexe hatte geglaubt,
ihn damit zu zerstören.
Doch sie hatte die Rechnung ohne den Pragmatismus des Körpers gemacht.
Eines Tages rief der König des Landes zu einem großen Wettstreit auf.
Die Brücke über den reißenden Fluss des Reiches war eingestürzt.
Wer dem König den besten Rat geben konnte,
wie das Land wieder zu Reichtum und Einigkeit fände,
sollte mit Gold belohnt werden.
Kilian trat vor den Thron.
Da begannen die beiden Köpfe auch schon zu zanken.
„Wir müssen eine neue Brücke bauen,
finanziert durch die Steuern der reichsten Barone!“,
rief der rechte Kopf mit der roten Mütze.
„Kostenlos für alle Bauern!“
„Niemals!“,
donnerte der linke Kopf im blauen Barett.
„Die Bauern sollen selbst zahlen,
wenn sie die Brücke nutzen wollen!
Ein Zollhaus muss her!
Nur private Investoren sichern die Qualität!“
Der König war fasziniert von diesem doppelten Ratspiel.
„Ihr sprecht mit zwei Stimmen“,
sagte der Herrscher amüsiert.
„Aber wie soll ich regieren,
wenn der eine Hü und der andere Hott ruft?“
Da schwiegen die beiden Köpfe einen Moment.
Sie sahen sich an – der eine von rechts nach links,
der andere von links nach rechts.
Durch den Hexenfluch waren sie zwar gegensätzlich,
aber sie teilten sich denselben Magen.
Wenn der Körper verhungerte,
starben sie beide.
Der rechte Kopf (der linke Denker) sagte leise:
„Wenn wir keine Brücke bauen,
verhungern die Armen auf der anderen Seite.“
Der linke Kopf (der rechte Denker) erwiderte:
„Und wenn wir die Barone zu sehr besteuern,
fliehen sie in das Nachbarreich und wir haben gar kein Gold mehr.“
Da verstanden die Köpfe zum ersten Mal,
dass der Fluch der Hexe sie zwar entzweit hatte,
sie aber nur gemeinsam überleben konnten.
Sie einigten sich auf einen Kompromiss:
Die Barone zahlten den Bau,
durften dafür aber ein kleines,
faires Handgeld verlangen – die Armen jedoch passierten frei.
Der König war so angetan von dieser Weisheit,
dass er Kilian zu seinem obersten Berater ernannte.
Die Hexe Morwena im Wald zerplatze vor Wut,
als sie hörte,
dass ihr Fluch dem Reich Frieden gebracht hatte.
Die beiden Köpfe stritten zwar bis an ihr Lebensende weiter,
aber sie taten es von nun an mit Respekt.

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