1. Ist es wahr? + 2. Ist es fair?
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Feierabend-Mitglied
02.03.2025, 12:53 – geändert 02.03.2025, 13:40
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02.03.2025, 12:53 – geändert 02.03.2025, 13:40
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1. Ist es wahr?
Ist es überhaupt möglich, dass ein unsteter, vom Alkoholismus schwer gezeichneter Mensch sich aufrafft, das Milieu der Entwurzelten hinter sich lässt und zu einem allseits anerkannten Unternehmer wird? Was sich wie eine dramatische Story aus Hollywood anhört, ist wirklich geschehen. Sie ist so real, wie ich heute vor Ihnen stehe. Ich bin der Darsteller in meiner eigenen Geschichte. Daher ist meine Antwort auf die erste Frage: Ja, es ist wahr!
Ich denke, keiner von euch hat jemals auf der Straße gelebt. Wie schaut so ein Leben aus? Ohne Heimat, ohne Arbeit, ohne Anerkennung aber mit viel Alkohol. Ich kann euch versichern – das Leben auf der Straße hat nichts mit Romantik zu tun. Es ist brutal. Deswegen muss so ein Mensch, nur um zu überleben, jeden Tag etwas unternehmen. Der Obdachlose wird zum Unternehmer, ob er will oder nicht. Unternimmt er nichts, geht er elend zugrunde. Zunächst erfriert seine Seele und wenn es ganz schlimm kommt, stirbt er an dieser Kälte. Irgendwann kommt ein ganz besonderer Freund dazu, der alles nur noch schlimmer macht und ihn in den Abgrund reißt. Sie alle kennen diesen „Freund“. Es ist der Alkohol!
Das führt zur grundsätzlichen Frage: Warum trinken die meisten Sandler? Ganz einfach: Weil sie sonst die Realität nicht ertragen könnten. Die meisten Gescheiterten reden ungern über ihre Vergangenheit. Viele sind dabei, die, so wie ich, eine bürgerliche Existenz gehabt haben; Familienväter, Mütter und Manager leben auf der Straße. Kein einziger lebt freiwillig in diesem Milieu.
Wenn ich den ersten Schluck genommen hatte, ging es mir gleich viel besser. Die Lebensgeister erwachten und es war nur logisch, dass der nächste Schluck aus der Flasche folgte. Ein tief sitzender Dämon befahl: Noch einen und noch einen. Damit sind wir beim Thema Alkohol, das keiner gerne hört. Die Experten sind sich einig: Jeder kann alkoholkrank werden. Jeder! Egal ob es ein Politiker ist oder ein armer Teufel, der alles verloren hat. Es gibt keine Schicht in der Gesellschaft, in der es keine Alkoholiker gibt. Das Teuflische an dieser Krankheit ist, dass sie dir sagt, dass du sie nicht hast.
Wird ein Manager als Alkoholiker enttarnt oder er outet sich selbst als solcher, dann reagiert sein Umfeld gnädig. Man sagt gerne: Für den oder die ist der Druck zu groß geworden. Bei seinen „Brüdern” auf der Straße, die auch ihren Stoff brauchen, ist dieses Verständnis komischerweise nicht vorhanden. Jenen gibt man ein paar Groschen und sagt: Kauf dir was zu Essen oder zum Anziehen, aber ja nicht zum Trinken! Ist so ein Satz mit der Menschenwürde vereinbar? Ich glaube nicht. Wer so etwas zu einem Obdachlosen sagt, der behandelt ihn wie ein Kind. Es ist eine Art von Ausgrenzung – auch wenn es den edlen Spendern in diesem Moment nicht klar ist.
2. Ist es fair für alle Beteiligten?
Ist es fair, wenn man einem Bittsteller, der sich sichtbar überwinden muss, um ein Almosen zu erbetteln, Bedingungen stellt, was er mit dem Geld zu tun habe? Würde man das auch bei Mitarbeitern tun, von denen man vermutet, dass sie ein Alkoholproblem haben? Ich glaube nicht. Zu ihnen wird man nicht sagen: Kaufen Sie sich gefälligst neue Kleidung oder Schuhe, aber keinen Alkohol.
Zurück zum obdachlosen Trinker. Wie schaut so ein typischer Tag für einen Obdachlosen auf der Straße aus? Ich meine, es gibt viele Parallelen zum Wirtschaftsleben. Zunächst geht es um den „Einstand”, ein Jargon Wort für den Geldbetrag, der für das erste Bier in der Kneipe nötig ist. Im Geschäftsleben würde man „Eigenkapital” sagen. Ohne Geld funktioniert die Wirtschaft nicht – und das Leben auf der Straße erst recht nicht. Ohne die notwendige Liquidität fehlt einem Sandler, wie ich einer war, das Wichtigste: der Alkohol. Er war das Betriebsmittel schlechthin. Meine Tage begannen mit dem ersten Bier, das brauchte ich unbedingt. Für die innere Ruhe und gegen das verdammte Zittern. Auch wenn mir der erste Schluck selten schmeckte, beim zweiten wurde es besser. Es ging nicht um den Geschmack, sondern um die Wirkung. Im Idealfall folgte ein weiteres Bier, danach ging alles leichter von der Hand. Was aber passierte, wenn das Geld ausblieb? Im Wirtschaftsleben nimmt der Unternehmer ein Darlehen auf – der Sandler hat nicht einmal beim Wirt Kredit.
Stehlen war keine Option, weil mir meine Freiheit heilig war. Also knüpfte ich anderweitig meine Kontakte, heute würde man „Networking“ sagen. Will man in diesem Geschäft weiterkommen, braucht man Informationen. Das gilt abermals für beide … Unternehmer. Es kommt lediglich darauf an, welchen Vorteil man daraus zieht. Dazu möchte ich eine kleine Anekdote erzählen. Sie handelt davon, wie ich eine Information, die unbeabsichtigt in einem Nebensatz fiel, missbräuchlich verwendet habe.
Damals saß ich einem redseligen Klosterbruder nebst einer Flasche Messwein in der Armenstube des Klosters Sankt Peter gegenüber. Im weinseligen Gespräch verriet er, wo die Patres den Schlüssel für das Messweinlager im Mönchskeller deponieren. Um es kurz zu machen: Ich konnte nicht widerstehen, hatte mich in der Folge am heiligen Wein vergriffen. Nicht immer – ehrlich jetzt – nur in der allerhöchsten Not. Im Namen Gottes sozusagen.
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