3. Fördert es Freunde 4. Dien es dem Wohl aller?
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Feierabend-Mitglied
02.03.2025, 13:31
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3. Fördert es Freundschaft und guten Willen?
Ich erzählte den Leuten vom Rotary-Club von Freundschaften im Milieu, sprach von Liebe, die auch dort entstehen kann. In allem waren Wunsch und Wille zu einem würdigen Leben zwar stets vorhanden, doch in den Fängen dieser Sucht ist es schwer bis unmöglich, sich davon zu lösen. Die immense Brutalität, mit der ich meinen Körper schädigte, kann und will ich hier nur andeuten. Ich rede an dieser Stelle ja von vergleichbaren Abläufen einer Randfigur mit seiner ambivalenten Beziehung zum Unternehmertum.
Plötzlich ertönt ein Zwischenruf aus dem Publikum: „Wie beginnt diese, … äh … Krankheit?“
„Das weiß ich selber nicht so genau. Bei mir war es ein schleichender Prozess. Zunächst Genusstrinken, das später zum Musstrinken wurde“, antwortete ich. Jetzt schaute ich mir den Zwischenrufer etwas genauer an. „Kaum zu glauben“, sagte er zu seinem Tischnachbarn mit auffallend rot unterlaufenen Augen und leicht zitternden Händen. Ich ahnte, was für ein Problem der etwa Fünfzigjährige mit sich trug. Vielleicht tat sich für ihn gerade in diesem Moment eine Lichtung auf.
„Zurück zum Thema – Freundschaft und guter Wille. Es würde vieler Stunden und Worte bedürfen, um die Szenen eines alkoholabhängigen Sandlers nachzuzeichnen. Dennoch will ich von einer Episode erzählen, weil sie gut zum Thema passt. Es geht um Hilfe in der Not und um den Mut, seinen Stolz zu überwinden und sich Fehler einzugestehen. Irgendwann gab ich mir einen innerlichen Stoß und rief spätabends bei der Telefonseelsorge an. Ich war nach zehn Jahren auf der Straße seelisch und moralisch am Ende. Mein Telefon-Engel mit dem Decknamen „Ilse“ hat erst mal nur zugehört. Sie hat mich (obwohl ich besoffen war) als Mensch ernst genommen und respektiert.
Wieder haben wir eine Übereinstimmung zwischen Unternehmer und Sandler: Beide kommen gelegentlich in Situationen, wo sie nicht mehr weiter wissen. Der Unternehmer holt sich für viel Geld einen Berater ins Haus – der Sandler ruft mit dem letzten Groschen die Telefonseelsorge an.
Bei mir hat es viele Monate gedauert, bis ich mir selbst verzeihen konnte. Freundschaft seitens meines Telefon-Engels und guter Wille meinerseits, haben schließlich dazu geführt, dass ich zwar mit zitternden Knien, aber voller Zuversicht in der Psychosomatischen zum klinischen Entzug erschien.“
4. Wird es dem Wohl aller dienen?
Auch diese Frage kann ich mit einem sicheren „Ja“ beantworten.
Nach der klinischen Entgiftung kam das Angebot der Suchtkrankenhilfe – ein Jahr in eine Alkohol-Reha in die Schweiz zu gehen. Das würde nur Patienten angeboten, die ohne Familie und ohne Job seien, sagte man mir. Ein ganzes Jahr ist zwar lang, dachte ich, andererseits wollte ich eh immer auswandern, was natürlich ein idiotischer Fluchtgedanke war. Als ob woanders der Saufdruck nicht da wäre. Also warum nicht in die Schweiz? Das klang für mich ebenso exotisch wie Australien oder Kanada. Ich nahm das Angebot an. Immerhin war ich schon sagenhafte sechs Wochen trocken und hoch motiviert. Außerdem wollte ich die Freunde von der Telefonseelsorge nicht enttäuschen.
In diesem Haus im schweizerischen Aargau begann mein zweites Leben. Der Horizont schien weit weg. Dahinter lag die Vergangenheit – aber auch eine Chance. Mein Blick richtete sich einzig und allein nach vorne. Es zählte nur die Zukunft. Und die hieß ‚Trockendock‘. Darauf baute ich meine Arche. Sie sollte zum Lebensschiff für eine Familie und der eigenen Firma werden. Beides war zu diesem Zeitpunkt nur eine Vision, später wurde sie zum heißen Wunsch und mutierte schließlich zum konkreten Plan. Und er ging auf. Aus dem immer schon unternehmerisch denkenden Obdachlosen wurde tatsächlich ein Firmenboss, allerdings einer der nie vergessen hat, wo er herkommt und der sich die Frage stellte: Wie kann ich als Unternehmer Mensch bleiben?
Heute schaue ich mit Ihnen hier im Saal zurück und erzähle locker ein paar Anekdoten aus einem unsteten Leben, von dem manche sagen, es sei ein Dschungelbuch für Erwachsene. Ich hoffe, es war nicht zu laut, nicht zu lang und nicht zu pathetisch.
Ich vermute, dass jetzt, am Ende meines Vortrages, die meist gestellte Frage kommt: Wie schafft man das?
Eine gute Frage. Wie schafft man es, aufzuhören? Woher kommt die Kraft? Wie schafft man es, nicht aufzugeben, nicht im Suff zu verrecken, sich nicht umzubringen? Wie schafft man es, wieder Ja zu sich selbst zu sagen?
Darauf gibt es viele Antworten. Ich habe den für mich einzig richtigen Weg gefunden. Demut vor dem Leben. Ich habe Hilfe angenommen. Wenn ich ein Fazit aus diesem Leben ziehen will, dann sieht das so aus: Wir sind alle eine Gemeinschaft. Jeden kann ein Unheil treffen, und wenn er Pech hat, landet er auf der Straße. Wir Menschen denken immer linear. Wenn es uns gut geht, dann soll es in Zukunft auch so sein. Bloß die Zukunft hält sich nicht daran, sie kümmert sich nicht um unsere Wünsche.
Deswegen denke ich immer daran, wie schnell sich alles ändern kann.
Heute ganz oben, morgen ganz unten. Wer weiß das schon?
In diesem Sinne – Danke für Ihre Aufmerksamkeit!