ABGEBRANNT
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 30.09.2025, 15:51 – geändert Dienstag 30.09.2025, 15:59
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Dienstag 30.09.2025, 15:51 – geändert Dienstag 30.09.2025, 15:59
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In den 70-Jahren war ich als unsteter Fliesenleger unterwegs. In einer Tiroler Bahnhofswirtschaft kam ich mit einem Eisenbahner ins Gespräch. Weil er mir sympathisch war, erzählte ich ihm von meinem Malheur, als mich im Alkoholschlaf irgendein Ganove um meinen Rucksack, meine Brieftasche und die Armbanduhr gebracht hatte.
„Und jetzt?”, fragte der Eisenbahner, „was machst du jetzt?”
„Keine Ahnung. Ich brauche einen Job, möglichst mit Quartier. Es wird schwer werden, aber das bin ich als Wanderarbeiter gewöhnt.“
Franz, so hieß der Mann, schaute mir prüfend in die Augen, dann sagte er: „Ich habe eine Idee. Mein Schwager ist ein Fliesenleger, ich glaube mich zu erinnern, dass er beim letzten Stammtisch, von zu wenig Facharbeitern gesprochen hat. Also, im Fall der Fälle: kannst du dir vorstellen, hier zu arbeiten – allerdings ohne Saufen?“
Was für eine Frage! Natürlich sagte ich „Ja” und versicherte, dass ich vom Trinken endgültig die Schnauze voll habe.
„Okay, Ferdl, dann ruf ich ihn an“, sagte er und verschwand hinter der Theke.
Meister Schmitz, der Schwager des Eisenbahners, war hocherfreut, endlich einen Fliesenleger gefunden zu haben. Er hatte auch die passende Baustelle für mich. Hoch über dem Tal stand ein Kloster, das gerade zu einem Seminarhaus umgebaut wurde. Per Handschlag besiegelten wir unsere Zusammenarbeit für die nächste Zeit.
Das gewaltige, weithin sichtbare Kloster mit barocker Zwiebelturmkirche und Werkstätten bildete eine beeindruckende Kulisse. Vor der Pforte empfing uns ein Klosterbruder im schwarzen Habit. Schmitz kannte ihn schon von früheren Aufträgen. Das ist Pater Engelbert, sagte er und versicherte mir, dass ich bei ihm und seinen Brüdern bestens aufgehoben wäre. Die beiden begeleiteten mich zu einem Gästezimmer, das für diesen Sommer meine Unterkunft sein sollte.
Der Raum war einfach eingerichtet. Ein massiv gefertigter Tisch aus Eichenholz beherrschte den Raum, in einer Nische stand das frisch bezogene Bett. Auf dem Nachttisch lag eine edle Bibel mit prächtigem Goldschnitt und rotem Seidenband. Ein kunstvoll geschmiedetes Fenstergitter vermittelte Sicherheit, ließ aber den fantastischen Blick zu den Schneebergen frei. Es war schön hier, ich war mehr als zufrieden. Wenn ich an die letzte Nacht dachte, wäre jetzt ein „Vergelt's Gott“ angebracht gewesen, schließlich war ich in einem Gotteshaus. Oder sollte ich einfach sagen – Schwein gehabt?
Eigentlich wollte ich Schmitz um einen Vorschuss bitten, aber dazu fehlte mir der Mut. Für Zigaretten würde mein Geld gerade noch reichen – und vom Trinken hatte ich im Moment ohnehin die Schnauze voll. Ich spürte in mir eine tiefe Zufriedenheit aufsteigen.
„Wo ist Ihr Gepäck”, fragte der Padre. Ich winkte ab und log: „Kommt morgen.“ Er zeigte mir noch die Dusche und die Toilette auf dem Gang. Überhaupt war er sehr besorgt um mich.
„Sie sehen müde aus”, stellt er lapidar fest, „ich bringe Ihnen das Abendessen auf das Zimmer.“
„Ja, mir ist alles recht. Vielen Dank.“
Wieder einmal gerettet, dachte ich und sah einer friedlichen Zeit entgegen.
Ich wusste nicht wie spät es war. Deshalb konzentrierte ich mich auf die Glockenschläge der Turmuhr. Zuerst schlug eine kleine Glocke: vier Schläge. Danach, mit tieferem Klang, die größere: sechs Schläge. Es war 18 Uhr. Bruder Engelbert brachte das Essen: saures Rindfleisch mit rotem Zwiebel und Kürbiskernöl.
„Zuerst gut essen und Gott einen guten Mann sein lassen, ist das katholisch genug?”, fragte ich mich als evangelischer Täufling. Und lächelte über meinen kleinen Betrug.
Das Einschlafen funktionierte nicht, daran konnte auch die duftende Bettwäsche nichts ändern. Viele Gedanken kreisten in meinem Kopf - gute, angenehme Gedanken. Ich spürte eine Veränderung in mir, die Mut machte. Es war wie: verliebt sein in mich selbst. Woher kam dieses Prickeln? Vielleicht daher, dass ich die Bibel gelesen hatte, oder um ehrlich zu sein, in ihr geblättert hatte? Mein kindliches Gottvertrauen war noch da, nur an den weißbärtigen alten Mann glaubte ich nicht mehr. Es war zu viel Schlimmes passiert in meinem Leben, dass ich da noch an einen gütigen, allwissenden Gott glauben hätte können. Auch wenn ich einige gescheite Sätze, die in dieser prachtvollen Bibel standen, durchaus unterschreiben konnte. Wie zum Beispiel die Sprüche 23, 31-34:
„Sieh’ den Wein nicht an, wie er rötlich schimmert und wie er im Glas seinen Glanz verströmt: Er gleitet leicht hinunter, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. Dann werden deine Augen seltsame Dinge sehen, und dein Herz wird verdreht reden, dir wird sein, als ob du mitten im Ozean liegst, wenn du so daliegst mit benommenem Kopf.“
An dieser Stelle schmunzelte ich. Bibel ist doch gut!
Ich hatte mir selbst verboten, an einen geistigen Schlaftrunk zu denken. Entgegen meiner Befürchtung, nicht durchschlafen zu können, wachte ich nach einer traumlosen Nacht auf und fühlte mich gut erholt. Meine innere Uhr sagte mir, dass es ungefähr sechs Uhr sein müsste. Der schwere Brokatvorhang ließ kaum Licht durch, nur in der Mitte, wo die beiden Seitenteile sich nicht überlappten, drang ein Lichtstrahl in den Raum und teilte ihn wie ein Zeiger in zwei Hälften. Irgendetwas drückte mich im Rücken. Ich fasste nach hinten und stieß an ein hartes Teil – es war meine Einschlafhilfe von gestern Abend – die Bibel.
Kann dieses Buch möglicherweise den Alkohol ersetzen? Für einen Moment war ich bereit, zu glauben. Aber dann kam der Gedanke auf: Glauben ist was für Schwache. Das war ich gestern, jetzt wartete die Realität auf mich, die verlangte einen ganzen Mann von mir, keinen weichgeklopften Betbruder. „Auf geht’s“, trieb ich mich selber an und ging zum Duschraum. Dort holte mich der gestrige Tag insofern wieder ein, als ich zur Kenntnis nehmen musste, dass mein Kulturbeutel mit dem Rasierzeug genauso weg war wie alles andere. „Verdammte Scheiße …“, fluchte ich und meckerte mit mir selber herum. Eine heilige Wut wird man ja auch in einem Kloster zugebilligt bekommen, oder?
© text by ferdinand
© foto by unsplash