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Adventluft schnuppern

Von Feierabend-Mitglied Samstag 22.11.2025, 16:04



Ich habe mir erlaubt, in den Düften der Vergangenheit zu schnuppern.

Ich war ein Junge von etwa zehn oder elf Jahren, als mich mein Schulfreund Otti zu sich nach Hause mitnahm. Er wohnte mit seinen Eltern in einem wunderschönen Haus mit Dachgauben, die wie die Mützen von Holländer-Mädchen ausschauten. Warum ich wusste, wie Holländermädchenmützen aussehen? Ganz einfach, damals war auf den Bensdorp-Kakao-Packungen ein Holländermädchen mit ebensolcher Mütze abgebildet.

Es war Winter, Adventszeit und wir spielten in Ottis großem Kinderzimmer. Ich war fasziniert von diesem Haus und von Ottis Reich. Er hatte diesen Raum nur für sich, besaß einen eigenen Schreibtisch und eine elektrische Eisenbahn. Das waren alles Dinge, von denen ich nicht einmal zu träumen wagte. Für Otti war das völlig normal und selbstverständlich. Er gab nicht an damit, deswegen war ich auch nicht neidisch. Ich genoss es einfach. Was mich ganz besonders an diesem Haus faszinierte, war das Odeur das diesen Räumen anhaftete. Ich wusste nicht, woher es kam: aus der Luft, aus der Tapetenwand oder gar aus dem edlen Fischgrätmuster des Parkettbodens? Der Duft war so ausnehmend zart und fein, am liebsten hätte ich ihn festgehalten und ein Stück davon mitgenommen. Später wurden wir in die Küche gerufen – hier schwebte ein ganz anderes Aroma im Raum – Ottis Mutter röstete auf der Herdplatte Äpfel und Maroni, nur für Otti und mich.

Zurück im Spielzimmer, war er wieder da, dieser undefinierbare Geruch, den ich nie vergessen wollte. Da war Frische drin, vielleicht Zitronen oder war es doch der Duft von Fichtennadeln. Es roch nicht wie warmer Regen im Mai aber auch nicht wie kalter Schneewind. Es war von allem etwas in der Luft, es war der einzigartige Geruch von Ottis Haus.

Bei mir zu Hause angekommen, wollte ich von meinem Dufterlebnis erzählen – und konnte nicht. Die schönen Worte für den Wohlgeruch waren mir beim Eintritt in den Flur verloren gegangen. Es roch penetrant nach angebrannter Erdäpfelsuppe. Als ich die Wohnungstür öffnete, wehte mir Vaters Zigarettenrauch und der süßliche Duft von heißem Rum mit Tee in die Nase. In Vaters Augen glänzte der Alkohol verdächtig und gefährlich. Nur jetzt nichts Falsches sagen, dachte ich und blieb stumm.

Viele Jahre später:
In meiner Familie ist in diesen Nebeltagen vor dem Advent traditionell der Lebkuchen-Backtag. Meine Frau und ich versuchen jedes Jahr zu dieser Zeit, den Duft aus Ottis Haus nachzuahmen. Es duftet auch wirklich gut im Haus. Wir mahlen selbst das Mehl, verwenden besten Waldhonig, Mandeln, Kardamom und sogar Rosenholz haben wir schon probiert. Aber leider, es riecht nicht annähernd so gut, wie damals in Ottis Haus.

© text & foto by ferdinand

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