Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

8 6

Amelies Leben in einer Krise ( 1)

Von Feierabend-Mitglied 27.04.2025, 18:44

Amelie trottet vor sich hin. Sie geht in die erste Klasse. Schule ist schön, sie mag die vielen anderen Kinder, mit denen sie in der Pause Fangen spielt. Sie liebt ihre Lehrerin, denn sie sieht an ihren Augen, dass sie Kinder gerne mag. Manchmal schaut sie sie nur an und vergisst dabei zuzuhören.

Aber nun muss sie nach Hause zu Mama. Früher ist sie immer gehüpft und hat mit den Vögeln um die Wette gesungen.
Früher - was für ein Wort, denkt sie. Es ist doch erst ein paar Tage her, seit Papa nicht mehr da ist.

Es ist so warm heute, die Sonne strahlt vom Himmel und der Wind streichelt ihr die Haut. Sie bleibt stehen, genießt dieses Gefühl, legt ihren Ranzen ab und rekelt sich auf der warmen Wiese. Arme und Beine streckt sie weit von sich. Sie greift ein paar Grashalme mit ihrer Hand, atmet deren frischen Duft tief ein und alles wird leicht, fast schwerelos. Sie will nicht denken, doch die Bilder der letzten Tage schleichen sich an. Sie muss nach Hause zu Mama. Ihre ganze Traurigkeit und ihre vielen Fragen verschließt sie in ihrem Bauch.

Wann war es passiert? Gestern, Vorgestern?

Amelie nimmt den Schlüssel aus ihrer Tasche, schließt das Haus auf, bleibt stehen, atmet dreimal tief durch und setzt ihr fröhliches Gesicht auf.
„Mama, ich bin wieder da!“, ruft sie.

Der Tisch ist nur für zwei Personen gedeckt, also ist Papa nicht zurückgekommen. Mama ist in der Küche und sie antwortet nur mit einem leisen Hallo, sie kommt ihr nicht wie sonst entgegen.

Amelie erzählt aus der Schule. Sie erzählt, dass Micha vom Stuhl gefallen ist und dass alle gelacht haben. Sie erzählt von Mona, die Geburtstag hat und dass sie ein ganz schönes Lied für sie gesungen haben. Und dass sie etwas ganz Tolles gebastelt haben, weil doch bald Muttertag ist. Aber mehr verrät sie nicht.

Während sie lacht und plaudert, bemerkt Amelie Mamas trauriges und verweintes Gesicht. Ein dunkler Schatten liegt auf ihren Augen. Die kleine Seele krampft sich zusammen und Amelie redet sich gut zu:

Nicht weinen, ich darf nicht weinen, sonst brauche ich jemanden, der mich in den Arm nimmt. Aber dafür ist ja niemand da.
Amelie holt tief Luft. Sie will jetzt wissen, was passiert ist:

„Mama, wo ist Papa? Wann kommt er wieder?“

Mama räumt langsam den Tisch ab und sagt so nebenbei: „Papa kommt nicht mehr!"

„Aber wo ist er?“

Das Mädchen braucht viel Kraft, damit die Traurigkeit, die sie auf der Wiese im Gras in den Bauch geschoben hat, nicht so schmerzhaft aufsteigt. Sie wiederholt lauter: „Sag mir, wo Papa ist! Bitte!“

Mamas Augen verändern sich, sie wird böse: „Er ist da, wo der Pfeffer wächst!“

Amelie nimmt noch einen letzten Anlauf und schreit: „Wo wächst der Pfeffer? Oma wird mir helfen, ihn dort zu besuchen!“

Fortsetzung folgt

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Amelies Leben in einer Krise ( 1)