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Angst und Hoffnung

Von Feierabend-Mitglied Montag 24.02.2025, 10:24


Nach zwei Stunden Bahnfahrt kam ich um Mitternacht in Salzburg an. Ich war müde und gönnte mir ein Taxi, obwohl es nicht weit war. Ein mürrischer Taxifahrer fragte: „Wohin?” Ich sagte: „Es ist nicht weit: Linzergasse.”

Schnaufend quälte ich mich die Wendeltreppe in den dritten Stock hinauf. So leise wie möglich öffnete ich die Wohnungstür. Es könnte ja sein, dass Melitta nicht so lange warten wollte und schon zu Bett gegangen war. Die Wohnung war tipp-topp aufgeräumt. Ich stellte die Tasche auf dem Boden ab und legte meine Schlüssel auf den Küchentisch. Da lag ein abgerissenes Kalenderblattund ein unvollendeter Satz: Ich habe keine […] mehr.
Es war Melittas Handschrift. Das Telefonat von gestern fiel mir ein. Sollte sie Angst geschrieben haben? Ich weiß es nicht mehr, habe das Wort aus meinem Gedächtnis verloren. Was war geschehen? Ich starrte auf das leere Wasserglas mit dem weißen Rand, dem Bodensatz und die Packung Tabletten am Tisch sah. Die Schachtel schien hastig aufgerissen worden zu sein, die leere Hülle, aus der die Pillen gedrückt worden waren, lag daneben. Melitta war nicht krank, schon gar nicht hatte sie Schlafstörungen, sie brauchte keine Medikamente. Woher die stammten, lag auf der Hand: Melitta arbeitete in einer Apotheke.
Krampfhaft versuchte ich meine Gedanken zu sortieren und positiv zu denken. Es gelang mir nicht. Nachdem ich die Wohnung bis in den letzten Winkel durchsucht hatte, war klar: Melitta ist nicht da.

Andere Hausbewohner, zwei ältere Witwen und ein betagtes Ehepaar wagte ich nicht zu fragen. Vielleicht löst sich ja alles in Wohlgefallen auf, dachte ich. Unsicher tastete ich mich durch das Stiegenhaus, das Intervalllicht ging im Minutentakt aus. Eine Mischung von Gefühlen überkam mich: Einerseits die Angst, etwas Schreckliches zu finden, andererseits die Hoffnung, dass alles in Ordnung ist. Ich durchsuchte alle möglichen Nischen und Gänge in diesem Jahrhundert alten Haus, fand aber keinerlei Hinweise auf meine Lebensgefährtin und Mutter unseres fünfzehn Monate alten Sohnes Ferdinand. Der Junge war seit einem halben Jahr bei Romana, seiner Pflegemutter. Ich besuchte ihn anfangs allein, seit drei Monaten durfte auch Melitta zu ihm, nachdem sie zu mir zurückgekehrt war. Damals war sie auch von einem Tag auf den anderen verschwunden und wieder zurückgekommen. So wird es diesmal auch sein, redete ich mir ein. Und morgen ist der große Tag, an dem wir Ferdinand zu uns zurückholen werden.

Wir wohnten im obersten Stock mit einer Terrasse nach hinten hinaus, zum Kapuzinerberg gerichtet. Über unserer Wohnung befand sich der kaum benutzte Dachboden. Die schmiedeeiserne Tür war verschlossen, nur die Mieter hatten Zugang. Der riesige Schlüssel hing am Schlüsselbrett in der Küche. Da brauchte ich also nicht zu suchen. Was kann ich sonst noch tun?, fragte ich mich. Telefonieren? Mitten in der Nacht?

Als Erste rief ich Romana an und fragte: „Ist Melitta bei dir?”
„Nein. Was ist los, Ferdinand, deine Stimme zittert?”
„Wenn ich das wüsste, Romana. Sie ist weg. Und ich weiß nicht wohin.” Dann erzählte ich ihr vom Glas und den leeren Tablettenschachteln und mir wurde schlecht.
Romana flehte mich an: „Mein Gott, Ferdinand, tu was!”
Ich suchte aus dem Telefonregister alle Nummern von Freunden und Bekannten heraus und rief alle an, fragte, ob Melitta bei ihnen sei oder ob sie wüssten, wo sie sein könnte. Niemand konnte mir Auskunft geben. Meine letzte Hoffnung war die Polizei. Ich hastete durch das Stiegenhaus nach unten hinaus auf die Linzergasse und über die Staatsbrücke zur Rathauswache. Außer Atem stellte ich das Glas mit den Resten von aufgelösten Tabletten, die Schachtel und den vermeintlichen Abschiedsbrief auf den Tresen. Ich schilderte, was vorgefallen war und bat die Beamten, mir zu helfen. Meine Beziehung zur Polizei ist nie die beste gewesen, in dieser Situation brauchte ich aber ihre Hilfe. Dabei dachte ich an Krankenhäuser, die man abfragen könnte, eine groß angelegte Suchaktion und Ähnliches.
Das Plakat an der Wand machte mir Hoffnung: ‚Die Polizei, dein Freund und Helfer’, stand da geschrieben. Die Reaktion der Polizisten war bescheiden. Ein Beamter bot mir einen Stuhl an und nahm mit stoischer Miene, beinahe abweisend, meine Personalien auf. Ich war zu aufgeregt, um sitzen zu können und fragte ungeduldig, was in so einem Fall zu tun sei.
„Ruhe bewahren”, sagte er. Ich starrte ihn hilflos an. Die nehmen mich nicht ernst, dachte ich und sagte lauter als zuvor: „Ruhe bewahren? Ja wie denn?”
Der Beamte saß geduckt vor seiner Schreibmaschine, sah zu mir auf und sagte: „Beruhigen Sie sich! Hat ihre Lebensgefährtin schon mal diesbezügliche Äußerungen gemacht, mit Suizid gedroht oder Ähnliches?”
„Nein.”
„Nein? Auch nicht mit Davonlaufen? Wissen Sie, mein Herr, ich frage deshalb, weil die meisten nur drohen und nach ein paar Tagen wieder auftauchen.”
Ich war kurz davor, auszuflippen.
Im Wachzimmer befanden sich noch mehr uniformierte Polizisten. Einer von ihnen baute sich vor mir auf und sagte: „Ist schon in Ordnung, wir machen das und verständigen Sie, wenn wir etwas wissen. Das Gleiche tun Sie bitte auch und rufen uns an, wenn sich Ihre Lebensgefährtin wieder meldet. Und alles Gute noch. Auf Wiedersehen.”
Das hörte sich wie auswendig gelernt an. Die Blicke, die sich die Beamten zuwarfen, waren mir nicht entgangen. Glatter Hohn, dachte ich, sie passten nicht zu den gesprochenen Worten.

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Fortsetzung folgt.







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