Aufbruch: Endlich frei!
Von
tastifix
Samstag 07.09.2024, 17:26 – geändert Dienstag 17.09.2024, 04:26
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tastifix
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Er vermied es, auf seine Hände zu schauen. Sie waren zerschunden, zerschnitten durch den Kampf gegen verschlungene Äste und scharfkantiges Gestein. Nicht seiner blutenden Wunden achtend, schleppte er sich stöhnend, zeitweise robbend Meter für Meter durch das Gestrüpp. Angstschweiß rann über sein Gesicht. Das Herz pumpte dermaßen, dass es fast den Brustkorb zu sprengen schien. Die zitternden Beine waren kurz davor, den Dienst zu verweigern. Allein sein starker Wille verhinderte, dass er aufgab und damit sich selber aufgab. Ihn trieb die verzweifelte Sehnsucht eines Menschen voran, der die Hölle auf Erden ertragen musste, ohne einen jeden Hoffnungsschimmer oauf eine noch so minimale Verbesserung seiner Lebensumstände.
Ja, damals raubten sie Aike alles. Das Haus und all sein Hab und Gut. Aber dies reichte jenen Wahnsinnigen beileibe noch nicht. Sie metzelten seine Familie nieder, missachteten die Menschenwürde auf brutalste Weise. Gezwungen in die Gemeinschaft von gleich ihm dann rechtloser Leidensgenossen, schien sein Lebensweg vorgezeichnet zu sein. Seine Peiniger behandelten ihn schlechter als ein Tier und folterten ihn gar.
Aike beherrschte ein einziger Gedanke: Flucht, solange die körperliche Kraft noch dazu ausreichen würde!
Wenige Meter entfernt nur lag ein große Waldgebiet, dass Versteck und Entkommen versprach. Aber er war Realist. Die Freiheit bliebe unerreichbare,Illusion. Doch gab sie ihm die Energie, in all dem Horror noch weiter ums Üb erleben zu ringen und den Gedanken an sie nicht fallen zu lassen. Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Nach Monaten der Drangsal tat sich eines Tages der Himmel der Gelegenheit für ihn auf, diesem Dahinvegetieren und den Qualen vielleicht doch nocn entfliehen zu können. Es geschah während der peinigenden Stunden der Feldarbeit unter den Peitschen der Wärter, die unbarmherzig ihre Macht auskosteten. Mit Wonne gegenüber den wehrlosen Menschen ihren Sadismus auslebten. ohne jegliche menschliche Regung für jene Gefangenen. Diese waren ohne Schuld. Sie hatten keine Verbrechen begangen. Ihr einziger Frevel war es, schwarz zu sein. Schwarz in einem von Weißen eroberten und beherrschten Land. Hass ohne Ende, unermessliches Leid bestimmten ihr Dasein.
An diesem Tag nutzte Aike die etwas längere Unaufmerksamkeit des Aufsehers. Halb kriechend. halb laufend stahl er sich mit dem Mut der Verzweiflung durch das an das Feld angrenzende hohe Buschwerk davon. Die anderen Gefangenen blickten nur kurz hinter ihm her, sie schwiegen, hatten aber weder den Mut noch die Kraft, es ihm gleich zu tun. Körperlich eigentlich ein Wrack, verlieh Aike das Gefühl, dass ihm niemand folgte und er somit vielleicht all der erlittenen Marter entkommen wäre, fast übermenschliche Stärke. Die Angst vor Entdeckung hetzte ihn vorwärts. Nur fort, nur weiter - der Menschlichkeit entgegen. Mit jedem zusätzlich eroberten Meter Entfernung vom Ort des Grauens und damit des größeren Abstandes von seinen Peinigern lockerten sich zunehmend die Fesseln des Schreckens und er empfand ein minimales Selbstwertgefühl.
Nach der einen Stunde der Flucht, die ihm schier endlos erschienen war, erlaubte er sich die Hoffnung zu hegen, auch weiterhin nicht mehr mit Verfolgung rechnen zu müssen. Entlräftet sank er zu Boden. Tränen des Glücks, es geschafft zu haben, bahnten sich ihren Weg. Selbst Hunger und Durst zogen ihn seelisch nicht wieder in jenes tiefe lichtlose Tal dessen hinab, was für immer hinter ihm lag. Die Tierlaute des Waldes klangen ihm wie Stimmen aus dem Paradies. Sie und die herrlichen Farben der Natur rings um ihn her, die schon so lange nicht mehr für ihn geleuchtet hatten, waren Balsam für die geschundene Seele. Sein Herz schlug wieder ruhiger. Seine Augen hefteten sich auf das Azurblau des Himmels über ihm. Er atmete tief durch, ein Atmen in Freiheit.
Es war der Aufbruch in ein neues Leben, ein selbstbestimmtes Leben in Würde.