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Begegnung im Dunkel

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 29.05.2025, 15:10

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Begegnung im Dunkel

Ich hauste im leer stehenden Studentenheim St. Rupert, einer bröckelnden Gründerzeitvilla, die auf ihre Sanierung wartete. Eine Baustellentafel verkündete exklusive Stadtwohnungen – irgendwann. Wer wie ich den Ablauf solcher Vorhaben kennt, weiß: Das kann Jahre dauern. Und solange war hier Platz für Geister. Und für mich.

Ich wurde wach, weil ich Gefahr witterte. Die Luft schien plötzlich dicker, als würde etwas Ungutes näherkommen. Da war dieses Geräusch – ein Schlurfen auf dem von Gras überwucherten Weg vom Gartentor zur Terrasse. Erst dachte ich an einen Hund. Dann hörte ich Fluchen. Leise. Müde. Menschlich.
Ich hielt den Atem an. Starrte aus dem Schlafsack ins Schwarz. Meine Sinne schärften sich, als wäre ich Beute. Mit einer langsamen Bewegung öffnete ich den Reißverschluss – leiser als eine Klinge. In der Hosentasche ertastete ich mein Taschenmesser, daneben das Feuerzeug. Licht? Nein. Noch nicht. Vielleicht geht der Spuk von selbst vorbei.

Ich setzte mich auf. Lauschte. Die Geister meiner Kindheit flüsterten, als hätten sie auf diesen Moment gewartet. Fast hätte ich gelacht. Fast.
Dann: ein Knirschen. Metall auf Metall. Jemand drückte die Klinke der Terrassentür. Ein Hauch von Nachtluft strich herein. Im Türrahmen zeichnete sich eine Gestalt ab – schwer, breit, zögerlich. Er versuchte, ein Streichholz zu entzünden, vergeblich. Das matte Licht der Straßenlaterne fiel für einen Moment auf seine Hände. Schwielig. Zitternd.
Ich räusperte mich, klickte mein Feuerzeug.
Ein Zucken ging durch ihn. Er wich zurück, als hätte ihn ein Blitz getroffen.
„Wer bist du?“, fragte ich.
Keine Antwort.
Nur das schwere Schnaufen eines Erschöpften. Vielleicht ein Leidensgenosse? Dann ein Fluch, kaum mehr als ein Hauch: „Hast mich ganz schön erschreckt. Lass mich in Ruh. Ich bin müde, verdammt.“
Er rutschte die Wand entlang nach unten. Ich hörte es, konnte es nicht sehen. Es war, als würde ich mit einem Schatten sprechen.
„Zigarette?“, fragte ich.
Das brachte ihn zum Leben. „Bier wär mir lieber“, murmelte er. „Aber Zigarette ist auch gut. Meine sind im Regen ersoffen.“
Ich streckte ihm die Packung hin, entzündete erneut das Feuerzeug. Seine Hand war kalt. Der Griff fest, doch nicht bedrohlich. „Danke“, sagte er. „Bis morgen.“

Ich legte mich zurück. Hörte ihm zu. Sein Atem war pfeifend, schnappend – ein Geräusch, das sich in die Dunkelheit fraß. Ich dachte daran, ihn zu wecken. Aber etwas in mir – ein Überbleibsel meiner Zeit bei den Salesianern Don Boscos – hielt mich zurück. Leben und leben lassen. Lass den Menschen ihre Würde.
Und doch. Ich konnte ihn nicht sehen. Wusste nicht, wie er aussah. Nur, dass er hier war, mit mir, in diesem Raum, der keiner war. Ich hörte sein Schnarchen, roch Zwiebel, Schweiß und Regen. Es machte mich fertig. Ich wollte reden. Wollte wissen, wer da atmete wie ein Tier.
Die Dunkelheit ließ meine Stimme anders klingen, klarer vielleicht. Oder auch nicht. Vielleicht verschluckte sie alles. Vielleicht war ich längst ein Geist.
Ich tastete nach meinen Zigaretten, fand sie nicht.
„Verstehst du mich?“, fragte ich in die Schwarze.
Keine Antwort.
Ich streckte meine Hand aus, berührte seine Schulter. Breit, fest. Dann seinen Brustkorb – massiv, wie eine Wand. Plötzlich packte er meinen Unterarm. Der Griff war eisern. Ich hielt still, bis er losließ.

„Es tut mir leid“, sagte ich. „Das mach ich sonst nicht. Aber hier drin … da ist etwas. Etwas, das einen zwingt. Weißt du, was ich meine? Geht's dir auch so?“
„So ist es“, sagte er.
„Du bist ein Mensch. Ich bin ein Mensch. Wir haben uns hier getroffen. Vielleicht hat das seinen Grund. Ich bin der Josef. Und du?“
„Ferdl. Aber man nennt mich den Doktor Fliese. Weil ich beim Fliesenlegen immer so gscheit dahergeredet hab.“
„Und? Arbeit?“
„Zurzeit nicht. Vielleicht morgen. Wer weiß das schon.“

Josef lachte kurz. Trocken. Dann schwieg er wieder. Ich hörte ihn umständlich die Zigarette ausdrücken – irgendwo auf dem Boden, gegen einen Stein oder einen alten Ziegel.
„Weißt du, Ferdl“, sagte er schließlich, „manchmal träum ich davon, dass ich ein Vogel bin. Kein schöner – so ein struppiger, grauer. So einer, der überall durchkommt. Zwischen Schornsteinen, Mülltonnen, unter Brücken durch. Nie ganz daheim, aber auch nie ganz verloren.“
Ich sagte nichts. Spürte, wie mir sein Bild unter die Haut kroch.
„Weißt, was ich glaub?“ fuhr er leiser fort. „Dass wir gar nicht runtergefallen sind. Die anderen sind nur woanders hingeflogen.“

Dann war wieder Stille. Aber sie fühlte sich anders an. Wärmer. Wie ein Mantel, den man sich zu zweit teilt.
Irgendwann schlief ich ein. Und als ich am Morgen die Augen öffnete, war Josef fort. Nur ein Zigarettenstummel lag da, halb zerdrückt. Und der Geruch nach Zwiebel. Und irgendetwas in mir, das geblieben war.


© text & photo by ferdinand

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