Begegnung im Foyer
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Feierabend-Mitglied
30.03.2025, 09:36
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
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Ich mache mit beim Schreibworkshop Papierflugreise. Barbara, die Seminarleiterin, hat uns mit einer Aufgabe in die Pause geschickt. Wir sollen jeder für sich, 5 Dinge sammeln, die uns irgendwo im Haus oder im Park von St. Virgil ins Auge fallen. „Was soll das?“, denke ich in einem Anflug von Opposition, sage aber nichts. Alle Teilnehmer sind unisono der Meinung, dass es eine kreative Aufgabe sei und sie sich auf den Nachmittag freuen. „Na ja, mal sehen“, sage ich und bleibe skeptisch. Statt im Park zu streunen und zu hoffen, dass mir besagte Dinge ins Auge springen, schlendere ich lustlos durchs Foyer in Richtung Cafeteria. Ein straffer Espresso wird mich erleuchten.
Vermutlich sind es bloß Sekunden. Sekunden, die genügen, um in eine längst vergangene Zeit abzutauchen. Auslöser dieser Zeitreise ist ein Plakat im Foyer des Bildungshauses. Ich schaue direkt in die Augen einer Frau auf dem Foto – und bin elektrisiert! Das ist doch … nein, das kann nicht sein. Ich halte die Luft an, versuche klar zu denken. Und komme zum Schluss, dass ich mich nicht irre. Diesen Mund kenne ich, diese verschmitzten Lippen habe ich vor vielen Jahren spüren dürfen. Damals mit Andrea, meiner Göttin. Es liegt ein ganzes Leben dazwischen, aber es fühlt sich an wie gestern. Es braucht eine Weile, bis ich zurückfinde in die Realität. Ich lese den Text der Ankündigung und verfalle abermals in Euphorie, denn hier steht: Vortrag mit Andrea Alt-Paulus – Sensorische Integration – Kind-Pferd-Pädagogin – therapeutisches Reiten. Der Name Alt sagt mir nichts, umso mehr aber Andrea Paulus. Das ist meine Andrea. Sie hat also geheiratet und ist Lehrerin geworden, okay. Und Pferde waren schon immer ihre Leidenschaft. Das Wort Integration kannten wir beide nicht, dennoch hatte Andrea in diesem Sinn gehandelt, als sie mich, den Jungen aus dem Abseits, in ihre noble Familie integrieren wollte. Dass es nicht gelang, lag an den Konventionen.
Die Pause ist vorbei. Ich komme versonnen zurück. „Wo sind die 5 Dinge?“, fragt Barbara. Ich lächle nur und tippe auf meine Stirn. „Da oben“, sage ich. „Magst du sie auf die Flipchart schreiben?” Sie reicht mir den Stift und ich schreibe: Junge-Mädchen-Pferd-Villa-Glück. Darüber will ich eine Geschichte schreiben. Wie stark, wie frei, wie naiv sind wir gewesen? Ich glaub‘, ich muss zu diesem Vortrag gehen. Ich will sie fragen.
©story by ferdinand
©photo by c-ernesto-gelles-unsplash.jpg