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Berührungen

Von Feierabend-Mitglied Montag 30.03.2026, 14:18 – geändert Mittwoch 01.04.2026, 08:02

Berührungen

Ich erinnere mich noch gut an die langen Tage und Nächte im Klinikum meiner Stadt. Ich war noch keine zwölf Jahre alt, als der Unfall geschah. Siedend heißes Wasser hatte ein Drittel meiner Haut verbrüht. Ich lag hilflos in einem Wasserbett, dass die Schmerzen lindern sollte, es aber nicht wirklich schaffte.

„Du hast Verbrennungen aller Grade“, sagte eine Madonna zu mir, „es hat dich böse erwischt.“
Sie ist wahrhaftig ein Engel, dachte ich. Unter der Haube der weißen Schwesterntracht lächelt ein wunderschönes Gesicht.

„Ich bin Schwester Gemma“, sagte die Frau im weißen Kleid, „ich bin da, um dir zu helfen, Ferdinand.“
Ich war unsicher geworden und sagte zu ihr: „Bis jetzt haben mir alle nur weh getan. Bitte seien Sie vorsichtig.“

Sie schaute in meine ängstlichen Augen und beruhigt mich: „Vertraue mir, Ferdinand, ich helfe dir und deiner Haut. Wir machen gemeinsam eine Massage auf deiner gesunden Haut. Die verbrühten Stellen cremen wir miteinander mit einer dünnen Schicht der kühlenden Salbe ein. Bist du einverstanden?“
Ich weiß bis heute nicht was passierte, plötzlich hatte ich keine Angst mehr. „Okay, Schwester ...? Ich hab´ vergessen ...“ Sie schenkte mir ein Lächeln und wiederholte ihren Namen. „Ich bin Schwester Gemma.“

Es gab Stellen an meinem Körper, die nicht verbrannt waren und trotzdem höllisch schmerzten. Ich bat sie, mich dort nur sanft zu berühren. Schwester Gemma hatte vorgewärmtes Massageöl dabei. Ich glaube, es war Sandelholz-Öl. Es duftete orientalisch oder besser gesagt: himmlisch, denn Schwester Gemma war eine Nonne. Sie massierte mich nicht, sie streichelte. Ich war mir ganz sicher: Niemand sonst darf an meine Haut, nur sie darf mich berühren. Sie ist meine Madonna. Die mit den Zauberhänden.

„Mach die Augen zu, vergiss deine Wunden“, sagte sie ganz leise, „du wirst nichts im Leben verpassen, Ferdinand.“
Die Schmerzen wichen irgendwann – ihren Platz füllten die Gedanken an die Zukunft. Als ob sie wüsste, was mir im Kopf umging, sagte Schwester Gemma zu mir: „Das Brandmal relativiert irgendwann den Wert der Perfektion.“
Das habe ich damals nicht verstanden. Narben sind geblieben, aber das Wesen der Narbe ist die Abwesenheit des Schmerzes.

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© text by ferdinand
@photo by ferdinand

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