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Blinddate mit mir

Von Feierabend-Mitglied Samstag 26.04.2025, 16:19 – geändert Samstag 26.04.2025, 16:21

Januar 2024: Augen-Klinik, Freitag, 9:00 Uhr.

Ich lege an der Rezeption meine Überweisung vom Augenarzt vor: „Verdacht auf Thrombose, stark eingeschränkte Sehkraft“, steht da. Mein Lebensmotto war bisher immer: Verliere nie das Ziel aus den Augen. Das klingt jetzt wie böse Ironie, denn ich sehe fast nichts.

Die Dame an der Anmeldung fragt routinemäßig meine Daten ab. „Nehmen Sie bitte im Warteraum Platz“, sagt sie. Eine Schwester kommt und tropft mir die Augen ein. Jetzt soll ich zehn Minuten lang die Augen geschlossen halten. Wie aber weiß ich, wann zehn Minuten vorbei sind?
Ich blinzle mehrmals schnell hintereinander, als könnte ich meine Gedanken oder gleich die gesamte Augenambulanz wegblinzeln. Ich schaue auf die Uhr. Was? Erst zwei Minuten vergangen? Die Zeit vergeht im Dunkeln anscheinend langsamer. Schnell schloss ich meine Augen wieder, um mich vor dem Licht zu schützen. Allmählich begann ich, zusammengesackt in meinem Stuhl, dahinzuwelken. Wann sind zehn Minuten vorbei? Ich beginne zu zählen. Zehn Minuten a´ 60 Sekunden … und verhaspele mich prompt. War ich bei 237 oder 337?

In Gedanken versunken, höre ich im Hintergrund Geräusche die stetig lauter werden bis sie sich zu einer eindringlichen Stimme formen. Abrupt werde ich aus meinem Tagtraum gerissen. Ich schaue verwirrt umher. Die vor mir stehende Assistentin tippt mich an und sagt mit erhobener Stimme und jede Silbe betonend: „Sie können die Augen wieder öffnen. Sie sind jetzt dran. Bitte gehen Sie in Raum 5.“

„Ja natürlich. Verzeihung,“ höre ich mich sagen. Auf der Tür zum Behandlungsraum 5 steht in großen Lettern: Sonografie. Ich klopfe einmal kurz an die Tür und warte, aber ich höre nichts. Sachte stoße ich die Tür auf und stehe in einem abgedunkelten Raum. Im Vordergrund thront ein Ungetüm, ähnlich jenem Behandlungsstuhl, der mir von meinem Zahnarzt nur allzu gut in Erinnerung ist. Dahinter sitzt kaum erkennbar hinter einem undefinierbaren Apparat eine Frau im weißen Dress der Ärzte. Sie tritt aus der Dunkelheit hervor und sagt, mit einer Hand auf den Stuhl zeigend: „Nehmen Sie bitte Platz.” Kaum war ich auf dem Sessel, kippte er in die Liegestellung. Vor meinen trüben Augen erscheint der Kopf der Ärztin in Übergröße.

„Wir machen jetzt einen Ultraschall-Scan. Keine Angst, die Untersuchung ist schmerzfrei. Sind Sie bereit?”
„Okay”, sage ich, und höre aufmerksam zu, wie sie in ihr Diktiergerät spricht. Ich verstehe nicht alles. Beim Wort Embolie frage ich mutig. „Ist das ein Blutgerinnsel?“
Sie antwortet trocken: „Ja. Wir müssen abwarten, bis die Blutung zurückgeht. Wir sehen uns in 14 Tagen wieder.“
Ich verlasse mit dem Wunsch die Klinik, noch nicht blind zu werden. Aber sie hat ja gesagt: Wir sehen uns! Also ist alles gut.


© photo & story by ferdinand

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