Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

5 5

Das Lied der Liebe

Von tastifix Montag 07.10.2024, 20:53 – geändert Dienstag 08.10.2024, 00:02

Es fröstelte Karl, den alten Mann. Einsam hockte er am Fenster seiner ärmlichen Wohnung und sah deprimiert nach draußen. Doch es half ihm nicht, er wurde nur noch trauriger. Dicht an dicht ragten Hochhäuder mit schmutzig grauen Fassaden gen Himmel. Kein Grün milderte den trostlosen Anblick. Da waren nur kalte Steine, sonst nichts!

Karl erinnerte sich an Jahre, in denen er als erfolgreicher Geschäftsmann zur feinen Gesellschaft der Stadt zählte und sich vor Einladungen kaum retten konnte. Er war wegen seiner Anständigkeit, Hilfsbereitschaft und seines freundlichen Wesens sehr geachtet. Doch dies beschwor Neid herauf und es wurde ihm beruflich und privat arg zugesetzt. Eine eiskalte Intrige brachte ihn in Verruf. Karls Anwälte entlasteten ihn zwar letztendlich vor dem Gesetz, aber sein gesellschaftliches Ansehen bekam einen unkittbaren Riss. Die freundschaftlichen Kontakte verebbten, selbst seine Familie mied ihn. Niemand besuchte den alten Mann, der immer mehr vereinsamte. Zudem noch verlor er sein gesamtes Vermögen.

Nach einiger Zeit ist die Sehnsucht nach Gesellschaft verdrängt und er lebt von Erinnerungen.
Wieder mal naht das Weihnachtsfest. Anders als in all den Jahren zuvor regen sich in seinem Herzen Gefühle, die zu empfinden er sich streng verboten hatte. Nein, er will sie nicht Oberhand gewinnen lassen. Zu groß ist die Angst, die Mitmenschen könnten ihm ein zweites Mal solch grausame psychische Verletzungen zufügen wie damals. Verbittert will er sie niederzwingen und – verliert diesen verzweifelten Kampf.

Karl sitzt am Fenster. Unwiullkürlich schleicht sich Neugierde ein und er lauscht dem Leben dort draussen. Einem Leben, das für ihn fremd geworden war, das ihm jedoch die mannigfachen Geräusche des vorweihnachtlichen Treibens ganz allmählich wieder näher bringen. Aufmerksam beonbachtet er die emsigen Menschen, die mit den Vorbereitungen für das Fest beschäftigt sind,Tannenbäume in due Häuser tragen und hin- und her eilen. .

Wenige Minuten später bricht etwas endgültig in seinem vergrämten Herzen den Schutzwall der Zurückgezogenheit. Eine Gruppe munter über den Gehweg hüpfender Kinder zieht seinen Blick auf sich. Ihre strahlenden Gesichter künden von der erwartungsvollen Vorfreude auf das Kommende.
"Ja", seufzt der alte Mann, "Ihr werdet es warm und gemütlich haben, mit Vater und Mutter vor dem Baum frohe Lieder singen und wunderschöne Geschenke vorfinden. Ihr wisst nichts von mir, der ich arm und einsam bin."

Er verspürt der Wunsch, dass Weihnachten auch für ihn zu einem besonderen Fest werde und etwas Schönes bereit halten möge. Betroffen versucht er von dieser Regung rasch Abstand zu gewinnen. Alles wird ablaufen wie in den vielen Jahren zuvor: Der einzige Trost in seiner Einsamkeit wird Heiligabend ein kleiner, schütterer Christbaum sein. Eine der letzten übrig gebliebenen Tannen vom Weihnachtsbaummarkt, krummer als andere gewachsen und deshalb von den Menschen missachtet.
Wachgerüttelt aus der Apathie ist er sehr aufgewühlt. Er, der ehemals souveräne Geschäftsmann, beschreitet den Weg des Gebetes, richtet die Worte demütig flehend an "Ihn".
"Bitte lass mich zu Weihnachten auch ein wenig glücklich sein. Das wird es mir für jene paar Stunden etwas erleichtern, soo allein zu sein!"

Es wird Heiligabend. Karl hat ein winziges Bäumchen erstanden, es in die Stube gestellt und es mit ein paar Kerzen geschmückt. Doch die passende Weihnachtsstimmung bleibt den Anderen vorbehalten, die in der Gemeinschaft mit Familie und Freunden feiern. Er dagegen sitzt in seinem Sessel und und schaut nachsinnend auf den kleinen Baum. An diesem Abend friert er nicht. Nein, es ist ihm eigenartig wohl zumute. Wirklich freut er sich an dem flackernden Kerzenlicht, genießt die von den Flammen ausgehende Wärme und schließt die Augen, um diese für ihn ungewohnte Stimmung von ganzem Herzen zu geniessen.

Als er sie wieder öffnet, entfährt ihm ein leiser Schrei der Überraschung. In der Stube wirbeln silbrig glänzende Schneeflocken und senken sich auf die Zweige des Bäumchens nieder. Als blü.tenweiße Decke verzaubern sie es nach und nach in eine strahlende Schönheit. Der silbrig glitzernde Schnee wird vom Kerzenlicht noch zusätzlich mit einem goldenen Schimmer geschmückt. Die Tanne steht dort gleich einem wunderbar funkelnden Diamanten. Karls Blick hält sich an dieser Pracht fest. Er empfindet auf einmal Geborgenheit.

Plötzlich, als sei es des Wunders noch zu wenig, öffnet sich wie von Engelshand das Fenster, um einem wunderschönen Vogel mit prachtvollem Gefieder, das in allen Farben glänzt, Einlass zu gewähren. Er flattert auf die Spitze des Bäumchens, läßt sich dort nieder, schaut den alten Mann unverwandt an und trillert ein Lied, so fein und soo jubelnd, dass Karl die Augen wässrig werden. Tränen der Dankbarkeit und des Glücks schwemmen seinen Kummer hinweg. Sie befreien ihn von all der seelischen Pein, deren Gefangener er so lange gewesen ist.

Ja, es ist ein besonderes Weihnachten.
Sein Weihnachten.
Er ist der Liebe begegnet!

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Das Lied der Liebe