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Das Wesen aus längst vergangender Zeit (2)

Von tastifix Montag 29.09.2025, 12:15 – geändert 12.10.2025, 07:50

Ein paar Minuten später aber wart ich plötzlich wieder hellwach. Ein dröhnendes Stampfen erschütterte den Boden. Es näherte sich rasch, aber dann herrschte abrupt wieder Stille. Den Atem anhaltend riskieerte ich einen Blick nach oben. Die gleißende Sonne blendete mich. Angestrengt blinzelte ich ins Helle.
„Das kann nicht sein. Ich habe Halluzinationen!“
Jedoch verschwand jener Schatten dort oben nicht wieder, sondern ich vernahm zusätzlich noch ein eigenartiges Knurren wie dem eines verunsicherten Tieres.
„Gleich wird es zupacken!“
Nichts dergleichen geschah. Doch sollte es der aufregendste Moment meines Lebens werden. Denn im nächsten Moment schaute ich in ein dermaßen fremdartiges Gesicht, wie ich es noch nie gesehen hatte. Es erinnerte stark an einen Affen. Die großen Augen lagen tief in den Höhlen und waren von langem, zottelig-weißen Fell beinahe verdeckt. Die Nase schien mir für einen Affen zu schmal und der Mund mit den blendend weißen Zähnen der eines Menschen zu sein. Das Wesen beugte sich näher zu mir. Es maß bestimmt 3,5m, hatte die Staur eines stämmigen Menschen und war überall mit Zottelfell bedeckt. Gebannt musterten wir uns.
„Es schaut nicht böse oder wild, sondern nur neugierig!“
Nach ein paar Sekunden der Überraschung legte es den Kopf schief, knurrte nochmals leise und streckte mir den Arm entgegen. Die Hand war die eines Menschen.
„Ich habe keine Wahl! Es ist die letzte Chance!“
Zögernd umklammerte ich sie, die die meine fest umschloss. Langsam, Zentimeter für Zentimeter zog mich das Wesen aus meinem eisigen Verlies heraus.

Ich starrte es an:
„Soll ich wirklich gefundnen haben,wonach ich gesucht habe?“
In mir keimte vage die Hoffnung auf ein Weiterleben.
„Oder soll ich als Futter dienen?“
Für dieses Wesen wäre es ein Leichtes gewesen, mich auf der Stelle umzubringen. Stattdessen streichelte es sanft meine Wange. Danach trug es mich in die Höhle, die für mich den Beginn dieses Abenteuers bedeutet hatte. Es legte ein Bärenfell in die Kuhle, bettete mich vorsichtig darauf, holte einenSteinbecher und gab mir zu trinken. Ich lächelte dankbar und ... Es erwiderte das Lächeln.
„Ein Mensch!!“
Ich war tief erschüttert.
Dass ich nicht um mein Leben fürchten musste ... Dessen war ich mir jetzt sicher. Aber was würde nun werden? Würde es mich ziehen lassen, zog es mich überhaupt wirklich schon zurück? Sehnsüchtig dachte ich an daheim, aber hier war mir etwas Einmaliges vergönnt. Ich hatte das Wesen getroffen, dessentwegen in der modernen Welt die Fantasie Purzelbäume schlug.
„Ob es mir möglich sein wird, mit ihm irgendwie zu kommunizieren?“
Ja, der Anfang dazu war bereits gemacht. Wir hatten uns angelächelt.

Ermattet schlief ich ein. Als ich wieder erwachte, hockte das Wesen neben meiner Liegestatt. Wieder lächetle es mich an.Weil ich Hunger verspürte, durchwühlte ich den Rucksack. Doch der Proviant war aufgebraucht. Was nun?In meiner Ratlosigkeit blickte ich das Wesen bittend an und führte mehrmals die Hand zum Mund.Tatsächlich ahmte es die Bewegung nach, ich nickte und es antwortete mit einem Nicken. Es holte ein Stück Fleisch herbei und reichte es mir. Erleichtert biss ich hinein.
„Wenn es doch nur sprechen könnte!“
Aber jede seiner Aktionen begleitete nur dieses eigenartige Knurren. Doch ich wusste jetzt, dass es meine Mimik und Gestik sehr wohl verstand.
„Auch so kann man sich unterhalten!“

Mir kam eine Idee: Ich zeigte ihm das Foto meiner Familie und deutete uauf mich. Aufmerksam betrachtete es es.
„Es ahnt, was ich ihm damit sagen will!“
Fragend blickte ich es an und dann nochmals auf das Bild. Bildete ich es mir ein oder las ich wirklich Trauer in seinen Augen?
„Es lebt völlig allein hier!“
Mitleidig strich ich ihm über das weiche Fell. Es sah mich treuherzig an.
„Wahrscheinlich ist seine Familie bei einer Naturkatastrophe umgekommen und es hat als Einziges seiner Spezies überlebt!?“, grübelte ich. „Wie bloß kann es diese ewige Einsamkeit ertragen?“
Irgendetwas hatte es uns modernen Menschen voraus. War es vielleicht, dass es sich eins fühlte mit der ihn umgebenden Natur? Mich bewegte so viel, aber all diese Fragen würden für immer offen bleiben.

Als es allmählich dämmerig wurde, stand der Abschied bevor. Ein Abstieg in aufkommender Dunkelheit wäre dem Selbstmrod gleich gekommen. Es war mir schwer ums Herz, denn ich hatte jenes Wesen liebgewonnen.Wenig später traten wir in die bittere Kälte hinaus. Ich winkte es zu mir an den Rand des Abhanges und deutete mit in die Tiefe.
„Ich muss zurück!“, murmelte ich und schluckte.
Wieder strich es mir über die Wange und knurrte leise. Ich schulterte den Rucksack und wandte mich zum Gehen. Doch, als ich mich bereits mehrere Meter entfernt hatte, drehte ich mich noch einmal zu ihm um. Es hatte sich nicht von der Stelle gerührt und mir wohl unverwandt nachgesehen. Unsere Blicke trafen sich für einen aller letzten Gruß. Dann kehrte es um und stampfte zurück in die Einsamkeit des ewigen Eises.

Während des gesamten Abstieges sah ich ihn vor mir, diesen gewaltigen sanften Riesen.
„Niemand und nichts soll Dich je bedrängen, ich werde schweigen. Aber die Erinnerung an Dich werde ich tief tief in meinem Herzen bewahren!“

Immrrt dann, wenn ich die hohen Berge betrachtete, dachte ich an jenes Wesen aus längst vergangener Zeit, an meinem Frreund, den Yeti.

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