Der alte Chef
Von
Feierabend-Mitglied
Samstag 28.06.2025, 06:57
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
Samstag 28.06.2025, 06:57
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Charlie und ich sind unterwegs auf unserer Morgenrunde durch den Eichet-Wald. Mein Rauhaardackel ist eine Persönlichkeit. Laut Stammbaum heißt er „Hasso von Hummelbrunn”, aber das sage ich ihm nicht, er glaubt ohnehin, dass er der Größte ist und bestimmen kann, was Sache ist. Es verspricht ein Prachttag zu werden. Milde Luft und das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, macht uns froh. Seitdem ich Charlie gesagt habe, dass wir lieben Besuch erwarten, zerrt er an der Leine, er will nach Hause.
Ich habe Angelika zu mir ins Schlössl auf einen Kaffee eingeladen. Sie kam gerne und ist sichtlich glücklich, ihren alten Chef wiederzusehen. Ich sei ruhiger geworden, meint sie. Angelika glaubt das beurteilen zu können, immerhin war sie jahrelang meine Sekretärin gewesen. Spontan wie eh und je fragt sie, ob es einen besonderen Grund für die Einladung gäbe. Ich stottere verlegen an einer Erklärung herum.
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass nach meinem Ausscheiden aus der Firma, Ihr Platz in der Geschäftsleitung gestrichen wurde. Meine Nachfolger boten Ihnen nur halbherzig einen Job im Lohnbüro an. Sie haben abgelehnt, ihren Resturlaub konsumiert und sind gegangen. Das bedrückt mich, so einen Abgang haben Sie nicht verdient. Wie gehen Sie damit um?“
Angelika Moser schaut mich zweifelnd an: „Das interessiert Sie? Mir geht es ausgezeichnet”, sagt sie und fügt gedämpft hinzu: „Wenigstens finanziell. In ein paar Jahren wäre ich ohnehin in Pension gegangen.“ Sie sprüht vor Optimismus, spricht von Freiheit und Freizeit. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Heiterkeit nicht nur gespielt ist.
„Die Zeit könnte lang werden“, sage ich. Mir scheint, als ob Angelika jetzt doch nachdenklich wird. Fast ein wenig trotzig kommt das: „Ach, ich find schon was.“
Ich versuche meine Idee vorsichtig anzusprechen. Plötzlich war ich wieder ihr alter Chef: „Der Mensch braucht einen Ort, an dem er gebraucht wird, wo er etwas bewegen kann.“
„An was denken Sie, Chef?“ Sie lächelte.
Ha, da war es wieder! Dieses überlegene Lächeln, das immer dann kam, wenn sie mich mit ihrem Scharfsinn durchschaut hatte. Das ist die Angelika Moser, deren bedingungslose Loyalität ich lange Zeit genießen durfte. Ich räuspere mich, fange an, um den Brei herumzureden: „Ich weiß nicht, ob an der Idee etwas dran ist, möglich, dass es Blödsinn ist. Andererseits kann es nicht schaden, etwas Sinnvolles zu tun, oder? Ich glaube, Sie könnten mir helfen. Einen Versuch wäre es wert, finde ich.“
„Das hört sich wie ein Angebot an. Wie heißt es genau?“
„Ach was, Angelika, Sie immer mit Ihrer Genauigkeit. Nennen Sie es doch wie Sie wollen, von mir aus werden Sie meine Gouvernante. Lachen Sie nicht, ich meine es ernst. Und ja, das ist ein Angebot. Wollen Sie?“
Sie lacht Tränen und gluckst: „Hausdrachen! Sie werden einen Hausdrachen bekommen!“
„Ich werde mich zu wehren wissen. Sie sind eingestellt! Wann fangen Sie an?“
„Typisch Chef.”
„Der Chef ist in Pension, nennen Sie mich Ferdinand.“
„Okay Chef!“
©Bild & Text by ferdinand