Der Banker
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Feierabend-Mitglied
Freitag 22.08.2025, 15:13
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Auf der Westseite des Mönchsbergs, zur Riedenburg hin, stehen sich auf einer Lichtung zwei Bänke gegenüber. Eine davon ist meine. Sie glänzt frisch gestrichen im satten Grün, an ihrer Lehne ein Messingschild mit meinem Namen. Darauf steht, dass ich die Patenschaft übernommen habe. Die zweite Bank gegenüber dagegen: alt, rissig, namenlos. Noch kein Spender. Ich überlege.
Im Sommer, wenn die Baumkronen dicht schließen, könnte man glauben, weitab vom Stadtlärm zu sitzen – wenn da nicht das Ohr wäre. Es fängt das gedämpfte Grollen der Autos ein, die sich durchs Sigmundstor in die Altstadt wälzen. Die Bänke stehen am Ende eines Kieswegs, beinahe verborgen. Mein Rückzugsort zum Lesen und Schreiben, unbehelligt von Spaziergängern und Hundehaltern.
An jenem frühen Sommerabend lag goldenes Leselicht über dem Platz – meine Lieblingsstunde. Auf ‚meiner’ Bank saß eine Frau. Ein modernes Dirndl spannte sich um ihre Brust, der Ausschnitt gewährte Einblicke, über die Männer gewöhnlich mit zotigen Sprüchen herfallen. Neben ihr, ordentlich aufgereiht: Hut mit breiter Krempe, Handtasche, ein Umhängtuch. Offene Haare, eine Sonnenbrille hoch ins Haar geschoben. An den Ohrläppchen funkelten dunkle Granatsteine.
Ich kannte sie – flüchtig nur. Je länger ich hinsah, desto sicherer wurde ich. Ja, klar: die Verlagsleiterin, die neulich im Literaturhaus einen ihrer Autoren vorgestellt hatte. Nur der Name, verdammt, wollte mir nicht einfallen. Für einen, der mit einem Manuskript nach einem Verlag sucht, ein peinlicher Blackout.
Sie bemerkte mein Herumstochern im Smartphone und lächelte:
„Geht es Ihnen gut? Sie sehen so verzweifelt aus. Soll ich helfen?“
Mit ihrer Stimme war der Name wieder da. Mein Kopf glühte.
„Hallo, Frau Sofka“, krächzte ich.
„Wir kennen uns?“
„Ein wenig. Nach einer Buchpräsentation hatten wir kurz gesprochen. Es ging um mein Manuskript, das ich Ihnen ans Herz legen wollte.“ Dass mir dieser Satz gelang, half mir über den Moment.
„Und Ihr Name war gleich …?“ fragte sie.
Mein Humor kam zurück. Ich grinste, deutete auf das Messingschild an der Lehne und sagte:
„Rutschen Sie ein Stück zur Seite – dort steht er.“
Sie beugte sich vor, las: Auf dieser Bank reiften die Ideen für viele Geschichten.
Dann stieß sie einen hellen Schrei aus:
„Na, Sie sind mir vielleicht einer …!“
© photo & text by ferdinand