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Der Kampf mit der Psychoanalyse

Von tastifix Samstag 21.09.2024, 08:16 – geändert 08.12.2024, 09:42

Eine Rede über Psychologie stand an und ich wälzte alle mir zur Verfügung stehenden Wälzer. Mir sprangen Über-Ich, Bewusstsein an und Unterbewusstsein entgegen. Genervt erinnerte ich mich der Diskussionen im Pädagogik-Unterricht vor fast 60 Jahren. Welche Gedanken und Aktionen wurden von woher gesteuert, was nur war das Über-Ich, wenn nicht gar eine verrückte Erfindung, um uns Laien noch mehr zu verwirren als wir es ohnehin schon waren? Zweifel ergriffen mich. Wie müsste ich mich einzuchätzen, falls sich heraussstellen sollte, dass mein Handeln völlig den geltenden Psychologie-Erkenntnisse widersprach? Aber, ausgerechnet während der Vorbereitung der Rede dieser Frage nachzuhängen, war ja wohl nur der Versuch, sich wenige Minuten von der eigentlichen Ausarbeitung des Vortrages zu lösen. So nicht! Mein Unterbewusstsein katapultierte dies entschlossen ins Bewusstsein, das Über-Ego unterstützte es dabei. Ehrgeizig konzentrierte ich mich erneut auf die Bearbeitung des vorliegenden Textes, um ihn endlich für much zufriedenstellend abzuschließen.

Dementsprechend motiviert trat ich auch anderntags nach der salbungsvollern Begrüßung durch den Direktor ans Rednerpult. Der Anblick des Mikrophons darauf beruhigte und beunruhigte mich gleichermaßen. Ich durfte sicher sein, dass meine leise Stimme selbst die hintersten Stuhlreihen in der Aula erreichen würde. Doch eine einzige Fehlaussage würde mich schlimm blamieren und ich wäre der Verachtung durch das wahrscheinlich bestens vorinformierten Publikums schutzlos ausgeliefert.
Prompt sah ich mich im Arbeitsamt in einem der heiligen Büros stehen und um Gnade sowie einen neuen Arbeitsplatz flehen. Geschockt verweigerten Unterbewusstsein, Bewusstsein und Über-Ich beinahe den Dienst und ich starrte nur noch dümmlich vor mich hin. Wenigstens war mir die Peinlichkeit der Situation dann kaum mehr bewusst.

Derweil ich also gedanklich abgeschweift war, begannen die Zuhörer bereits leise ungeduldig mit den Füßen zu scharren. Laut geziemte sich das nicht, was deren Über-Ich ihrem Bewusstsein noch rechtzeitig klar gemacht hatte. Ernster Miene räusperte ich mich:
„Sehr geehrte Damen und Herren!"
Diese Worte hatte mein Unterbewusstsein meinem bibbernden Bewusstsein noch rechtzeitig mit auf den Redeweg gegeben.
„Die Psychologie", fuhr ich fort, bereits etwas psychologisches Land gewinnend, „ist heutzutage bei der Erkennung seelischer Probleme eine große Hilfe. Sie findet für alles Wahrscheinliche und noch öfter für alles eigentlich Unerklärliche die passende Begründung, sei es in der Kindheit oder gar vor der Geburt des Betreffenden, ohne jene dann etwa noch begründen zu müssen."

Aufmerksam beobachtete ich das Publikum. Ich sah aufgesetzt verstehende Mienen, vernahm zustimmendes Gemurmel und sogar hier und da ein Lachen. Dieses jedoch störte so manch anderes Unterbewusstsein. Es katapultierte die aufkommende Wut darüber ins betreffende Bewusstsein, was empörte Blicke in Richtung des Lachers zur Folge hatte. Jener schwieg sich daraufhin lieber aus, bediente sich also zwecks Bewahrens des Seelenfriedens einer allgemein bekannten und massenhaft genutzten psychologischen Taktik.

„Noch kommen Sie mit. Das gilt es auszunutzen!“
Und so ließ ich eine regelrechte Worttirade folgen und stellte zufrieden fest, dass das Publikum zunehmend interessiert zuhörte.
Inzwischen war ich dermaßen in Fahrt geraten, dass ich mich nicht mehr zu bremsen vermochte. Noch aber schienen alle gebannt zu lauschen.  
„Sie kennen ´Freud` , der in der Psychoanalyse vieles auf sehr einleuchtende Weise begreiflich gemacht hat.“
Nach dieser bedeutenden Einführung machte ich eine unbedeutende Pause, um eine möglichst hohe Konzentration herauszufordern. 
„Die Basis der Psychoanalyse stellt das Unbewusste, dessen Benennung in seiner Bedeutung für die Psychologie geradezu einer Entdeckung gleich kam.“
Leider erlitten dann viele Zuhörer sichtbare Bewusstseinsschwächen, und schalteten merkbar ab. Betont forsch erklärte ich dem übrigen Publikum die tiefsten psychologischen Geheimnisse:
„Alles Erleben und Verhalten bezieht sich nach der Theorie der Psychoanalyse stets insofern auf die Realität, als das ´Ich` zwischen den Triebansprüchen des unbewussten´Es`,den im ´Über-Ich` individuell ausgebildeten Gewissensforderungen und den augenblicklichen Gegebenheiten der Realität vermittelt usw. ... !“ (Zitat)

Stille herrschte im Saal. Das Bewusstsein meiner Noch-Zuhörer arbeitete anscheinend auf Hochtouren, ließ sich dabei vom Unterbewusstsein sowie auch vom Über-Ich zur Seite stehen, um sich jene gewichtigen Erklärungen wirklich bewusst machen und sie beinahe unbewusst sogar im Gedächtnis speichern zu können. Über den Köpfen zeigten sich Raucerneut auferksa werden z7u alssen hschwaden, die vom intensiven Nachdenken zeugten. Wenige Minuten später bildete ich mir gar ein, als Folge des dann wegen der Anstrengung unvermeidbaren Hirnbrandes erste stiebende Funken zu sehen. Dies schien anscheinend auch endlich Diejenigen erneut aufmerksam zu machen , die das weitere Mitdenken verweigert hatten. Mehrere sprangen auf und feierten mich mit ´Standing Ovations` :
„Ein brennend interessantes Thema!“
Deren bewusst gewählte Denkpause hatte also ihr Ende gefunden. Fix setzten sie betont wissende Mienen auf. Niemals hätten sie zugegeben, dass nichts des Referierten ihr Bewusstsein erreicht hatte. Doch weil ich wusste, dass es an dem war, erklärte ich alles aufs Neue, diesmal bewusst im Stil für Unwissende:
„Also, es drängt Sie, auf dem Markt eine Banane zu klauen. Ihr Über-Ich meckert dagegen an. Aber Gewissensbisse sind lästig. Genervt verdrängen Sie sie und mopsen das verführerische Obst trotzdem, weil Sie es nämlich unbedingt haben wollen!“
Befreites Lachen, dröhnender Applaus.

Gut nur, dass diese Erklärung Sigmund Freud niemals zu Ohren kommen würde ...

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