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Der kleine Baumeister

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 03.06.2025, 12:50

Der kleine Baumeister

Ein Satz aus meiner Kindheit könnte lauten: Ich wehre mich gegen heldenhaftes Mann-sein-Wollen.

Ich war gegen Zerstörung – es gab schon genug Gewalt in meiner Umgebung. Ich konnte nicht verstehen, wie man aus Freude Dinge kaputt machte. Auch nicht in der Sandkiste. Während die anderen Kinder mit donnerndem „Brumm, brumm“ durch provisorische Städte pflügten, ihre Fahrzeuge gegeneinander krachen ließen und Burgen einstampften, ließ ich meine kleinen Autos auf eigens angelegten Straßen fahren – behutsam und mit der Hand geführt. Meine Sandkistenstadt war ein kleines Wunderwerk: mit Hügeln, Tunneln, Brücken, sogar einer eigenen Murmelbahn. Alles hatte seinen Platz, seine Ordnung, seine Geschichte.

Meine Burg verteidigte ich tapfer – doch was half’s? Die Großen lachten. „Ein Haufen Dreck“, sagten sie. Sie rissen mit einem Tritt nieder, was ich mit Hingabe errichtet hatte. Ihre Missachtung traf mich tief. Ich wurde traurig. Und dann entschlossen.

Wenn ich wollte, dass mein Bauwerk bestehen blieb, musste ich etwas schaffen, das staunen ließ. Etwas, das man nicht so einfach verlachte. Etwas mit Magie.

In einer illustrierten Zeitschrift entdeckte ich sie: die Burg Hochosterwitz. Ein kegelförmiger Felsen, auf dem sich eine Straße in Serpentinen zum Gipfel wand – fest, uneinnehmbar, voller Geheimnisse. Ich hatte mein Vorbild gefunden.

Ich wollte meine eigene Burg Hochosterwitz bauen. Mit einem Tunnel – handwerklicher Höhepunkt und technisches Meisterwerk – und mit einer Spirale für meine Murmeln. Statt einer Straße sollte eine Bahn entstehen, auf der Glaskugeln von oben nach unten rollten – elegant, präzise, ein leises Klackern beim Richtungswechsel, ein kleines Wunder für die Augen und Ohren.

Doch ich brauchte Baumaterial. Sand allein reichte nicht. Also lief ich in die Mur-Auen, suchte in Tümpeln nach Lehm – und fand statt Lehm jede Menge Morast. Dick, schlammig, ideal. Der Baustoff meiner Träume.

Ich schleppte Eimer für Eimer zur Sandkiste. Formte den Hügel, zog die Bahn, grub den Tunnel. Alles war bereit für den besonderen Trick.

Kurz vor dem Tunnelausgang versteckte ich ein kleines Plättchen aus Sperrholz – kaum sichtbar, doch entscheidend. Dahinter legte ich eine rote Glasmurmel. Dann ließ ich von ganz oben eine schwarze Metallkugel los – schwer und schnell, ein erbeutetes Einzelstück aus einem alten Kugellager. Sie rollte, gewann Fahrt, verschwand im Tunnel – und blieb abrupt stehen. Wie von Geisterhand schoss dafür die rote Kugel aus dem Ausgang.

Staunen. Verblüffung. Applaus.

Ich war nicht mehr nur der kleine Baumeister. Ich war der Zauberer von der Sandkiste.

Nach der Vorstellung lenkte ich die Zuschauer ab, tauschte schnell die Kugel – diesmal eine regenbogenfarbene – und ließ das Wunder erneut geschehen.

Und keiner wagte mehr, meine Burg zu zerstören.

© text by ferdinand
© foto by unsplash

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