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Der Technik-Patre

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 01.10.2025, 14:53

Ich war stolz auf mich, hatte ich doch das gute Frühstück genießen können, es im Körper behalten und nicht das geringste Verlangen nach dem üblichen Alkohol gehabt. Aber jetzt musste ich mich beeilen und lief immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben zu den Schlaf- und Waschräumen, meiner Baustelle. Schmitz und Gretl waren schon aktiv, sie kontrollierten das angelieferte Material.
„Hallo Ferdinand, wie gehts, gut geschlafen?”, fragte mich Gretl. Vater Schmitz begrüßte mich lachend, der Mann war ein Quell guter Laune, er vibrierte förmlich vor Energie.
„Da hast du aber Glück gehabt, dass du bei der Lieferung der Fliesen nicht dabei warst. Ich sage dir, das war eine Schinderei. Aber jetzt ist alles da, du kannst loslegen. Übrigens, hier ist eine Latzhose zum Arbeiten. Beste Qualität, steht Schmitz drauf, kannst sie behalten.”
Gretl ruft: „Kommst du mit mir zum Auto, ich habe da ein paar Dinge für dich mitgenommen, vielleicht gibst du sie gleich in dein Zimmer?”
„Oh, danke! Ich komme gleich.”

Sah ich da ein Lächeln? Ich glaubte gesehen zu haben, dass es ein weicheres Lächeln war, als ich es von der Tochter meines Chefs erwarten konnte. Wir befanden uns zwar in einem Kloster, aber ich war alles andere als ein Mönch. Ich verbat mir weitere Gedanken, gab mich so souverän wie möglich, doch gegen die aufsteigende Schamesröte konnte ich nichts tun. Gretl sah aber auch verboten gut aus.

„Also, was ist Ferdinand, hilfst du mir beim Ausladen?”
Mit allem hätte ich gerechnet, nur nicht mit dem, was Gretl in kurzer Zeit für mich zusammengetragen hatte. Ich war bestenfalls auf Arbeitskluft eingestellt, aber was da aus dem Karton und einem Rucksack zum Vorschein kam, verblüffte mich. Ein Jeansanzug, noch eine Levis, bunte Polohemden, hochaktuelle Clogs, Boxershorts und ein Nassrasierer samt Hautbalsam – sowie ein fast aktueller ‚Playboy’. Diese Frau dachte an alles. Und an mich – als Mann, denn wie sonst lässt sich die Beigabe eines Männermagazins erklären? Mir gefiel der Gedanke, den Gretl beim Packen gehabt haben muss und nahm mir vor, sie später darauf anzusprechen. Jetzt aber bedankte ich mich höflich und verstaute die guten Sachen im leeren Einbauschrank.
Gretl überbrückte die etwas peinliche Situation mit einem Machtwort:
„Jetzt aber an die Arbeit, mein Vater wird schon warten. Nimm du schon mal das Handwerkszeug mit, ich fahre die Wasserwaagen und Schneidmaschinen mit dem Aufzug nach oben.“

Meister Schmitz hatte mit dem Rektor des Hauses kurzfristig eine Besprechung einberufen. Dabei ging es hauptsächlich um Termine und Ausführung der Arbeiten. Mit dabei war auch Pater Quarian, der für die Haustechnik zuständig war. Für mich war das eine neue Erfahrung. Meiner bisherigen Meinung nach, waren Geistliche ausschließlich für Theologie und Religion zuständig. ‚Ora et labora’ umfasst also auch handwerkliche Berufe.

Die Patres waren durchwegs plankundig, die Besprechung ging gut voran. Der erste Baustellen-Abschnitt wurde festgelegt, ich hatte zwei Wochen Zeit für die erste von drei großen Sanitäranlagen. Es waren zwanzig Waschtische an einer halbhohen Mittelwand und zehn Duschen an den jeweiligen Stirnwänden vorgesehen. Die Verfliesung erfolgte bis zur drei Meter hohen Decke. Also brauchte ich ein kleines, fahrbares Gerüst. Das war ein Auftrag für Gretl, sie sollte mir das umgehend besorgen.

Meister Schmitz war sichtlich angetan von meiner Umsicht, wollte mich nicht weiter belehren, wie er sagte. Er steckte mir einen ‚Hunderter’ für Zigaretten in die Brusttasche der Latzhose und verabschiedete sich: „Mach’s gut und sauber, lass dir Zeit und schau, dass wir den Termin halten. Pfiati Ferdinand!”
Schon der erste Arbeitstag im Kloster zeigte den Erfolg meiner Bemühungen. Trotz umfangreicher Vorarbeiten war es ein Rekordtag: fünfunddreißig Quadratmeter weißmatter italienischer ‚la Campanella’ Wandfliesen strahlten von den Wänden! Zugegeben, es waren glatte, große Flächen. Dennoch: meine Leistungskurve zeigte steil nach oben. „Ferdinand, du bist der Größte!”, jubelte ich mir selbst zu. Wieder einmal bestätigte sich, dass – wenn ich den Alkohol weglasse – ich mit jedermann mithalten kann. Mehr noch, ich kann besser sein als je zuvor. Selten habe ich mich auf den nächsten Arbeitstag so gefreut, wie an diesem Abend.

Um 18:00 Uhr gab es Abendmahl. Weil der Speisesaal ebenfalls umgebaut wurde, durften die Arbeiter, andere Gäste und auch ein Landwirt, der irgendetwas geliefert hatte, im Refektorium zu Abend essen. Nach dem vorzüglichen Essen (es gab Tiroler Knödel mit warmen Krautsalat), fragte Pater Quarian, ob er sich zu mir setzen dürfe. Leicht verwundert stimmte ich zu und war neugierig, was er von mir wollte.
„Ich komme soeben von der Baustelle und muss schon sagen: Respekt! Wie haben Sie das hingekriegt, sie waren doch allein oder hatten sie Helfer?”, fragte mich Pater Quarian.
„Na ja, es ist ganz gut gelaufen. Morgen wird es schwieriger, denn es stehen komplizierte Arbeiten an. Es gibt viel zu schneiden, vor allem die Aussparungen für Strom- und Wasserleitungen. Löcher in keramische Fliesen zu klopfen ist sehr zeitraubend,” sagte ich.
Pater Quarian zeigte echtes Interesse: „Das finde ich spannend, können sie mir zeigen, wie das gemacht wird?”
Auf der Baustelle zeigte ich ihm, wie ich die Löcher in die Fliesen schlage. Das ist reine Handarbeit und verlangt viel Gefühl beim Klopfen mit dem Spitzhammer auf glasierte Oberflächen.
„Gibt es keine Maschine dafür?”, fragte er.
„Nein, ich habe es zwar versucht, aber es klappt nicht und es geht auch nicht schneller.“

„Lieber Meister Ferdinand, (er sagte tatsächlich Meister zu mir) das fordert einen Techniker wie mich, heraus. Ich kann nicht glauben, dass es dafür keine bessere Lösung gibt. Sie müssen wissen, ich war viele Jahre in der Mission des Ordens auf der ganzen Welt als Entwicklungshelfer unterwegs. In meiner Jugend erlernte ich den Beruf des Modelltischlers, das kam mir als Helfer in der Dritten Welt zugute. Ich habe schon viele Werkzeuge mit einfachsten Mitteln hergestellt. Haben sie Lust auf ein Experiment?”
Der Mann riss mich mit seiner Begeisterung mit.
„Okay, ich bin dabei. Was haben Sie vor?”

Pater Quarian bat mich, an ein paar losen Fliesen die genaue Position der benötigten Ausnehmungen für die Wasseranschlüsse anzuzeichnen. Das war schnell erledigt. Wir begaben uns in ein Nebengebäude im Klosterhof. Ich staunte nicht schlecht, als ich eine bestens ausgerüstete Werkstatt betrat. Da standen Geräte, die ich hier nie erwartet hätte, Drehbänke und eine besondere Stand-Bohrmaschine. Diese Maschine war der ganze Stolz von Pater Quarian. Plötzlich sah ich den Ordensmann mit anderen Augen. Ohne seinen Habit sah er aus wie ein Professor im blauen Arbeitskittel. Sein Gesicht zierte ein weißgrauer Backenbart, darüber hatte er seine randlose Brille ins schüttere Haar geschoben. Quarians dunkle Augen blitzten mich funkelnd vor Stolz an. Ich schätzte ihn auf sechzig Jahre. Uralt für meine Begriffe, aber das täuschte, der Mann hatte nicht nur geistige Kraft. Er erklärte mir akribisch die Besonderheit dieser Bohrmaschine. Sie hatte einen Drehzahlwandler eingebaut. Eine Art denkende Maschine, die sich auf das zu bearbeitende Material und dessen Konsistenz automatisch einstellte. Das wäre bei der Bearbeitung von keramischen Fliesen, die ja bei der geringsten Spannung zu Bruch gehen, besonders von Vorteil.

„Jetzt aber genug der Theorie. Ferdinand, geben Sie mir die Fliese, wir spannen sie am Bohrtisch ein. Als Unterlage verwenden wir ein Gummiset, die Befestigungsbacken ummanteln wir mit Hartgummi, denn der hält unser Werkstück fest und fängt zugleich Vibrationen des Bohrers ab. Soweit verstanden?”

Niemals hätte ich ein Wort des Zweifels geäußert, obwohl ich nicht alles verstanden hatte. „Alles klar, Pater Quarian. Versuchen wir es.”
Langsam drehte sich der Steinbohrer durch die Fliese. Zum Kühlen verwendete er Wasser anstatt der üblichen Bohrmilch bei Metallen. Es dauerte nur Sekunden, dann war ein sauberes kleines Loch in der Fliese.
„Jetzt kommt der Clou an der Geschichte, wir starten das Experiment.” Pater Quarian holte aus dem Regal einen, mit Industriediamanten besetzten kegelartigen Gegenstand und hielt ihn mir vor die Nase. „Kennen sie das? Nein? Das ist ein Abfallprodukt aus einer Tunnel-Vortrieb-Maschine wie sie beim Bau des Tauerntunnels verwendet werden. Ich werde jetzt eine provisorische Halterung anschweißen und dann probieren wir damit das kleine Loch in der Fliese auf die geforderte Größe zu fräsen. Ich denke, das müsste funktionieren.”
Gespannt schaute ich ihm zu. ‚Daniel Düsentrieb des Klosters’, hatte ich ihn heimlich genannt und rauchte genüsslich eine Zigarette. Es dauerte nicht lange und der Prototyp eines Lochfräsers war betriebsbereit. Jetzt kam es drauf an, ob die Fliese die Schwingungen des Kegelbohrkopfes aushält. Pater Quarian stand geduckt neben der Maschine. Mit einer Hand führte er sachte den Bohrarm nach unten und der Kegel senkte sich durch das vorgebohrte Loch. „Jawohl, ausgezeichnet!”, sprudelt es aus ihm. „Was sagen Sie jetzt? Ist das nicht super? Kommen Sie, Ferdinand, wir machen gleich das nächste Loch, das größere für die Steckdosen-Auslässe.”
Vorsichtig spannte ich die Fliese aus, weil ich dachte, sie wäre heiß geworden, aber da war nichts. Das Bohrwasser hatte gut gekühlt. Ich hatte mein erstes maschinell erzeugte Bohrloch in einer Fliese. So exakt kriegt man das mit der Hand niemals hin.

Das zweite Experiment mit dem Schalterdosenloch dauerte etwas länger, aber auch das funktionierte. Pater Quarian war sichtlich zufrieden mit seiner Vorführung. „Für heute ist es genug, Ferdinand. Morgen früh, gleich nach der Messe, komme ich auf die Baustelle und dann werden wir sehen, wie ich ihnen helfen kann. Gute Nacht, Gott schütze Dich!”
„Gute Nacht, Pater Quarian und vielen Dank!”

In den nächsten Tagen ging die Arbeit gut voran, meine Lust auf das obligatorische Frühstücksbier war weg und ich fühlte mich wie neu geboren. Pater Quarian war eine große Unterstützung, er bohrte und bohrte in den Fliesen, dass es eine Freude war.

Alles war gut bis zu dem Tag, an dem ich beschloss, am Sonntag einen Ausflug nach Salzburg zu machen. Die Stadt fehlte mir, ich wollte sie in nüchternem Zustand neu entdecken. Der Vormittag verlief nach Programm, ich schlenderte durch die Altstadt, das Wetter war herrlich und es war ein großartiges Gefühl. Zur Feier des Tages wolle ich einen gepflegten Espresso trinken und steuerte auf das nächste Café zu. Das Schicksal wollte es, dass es das Piccola Trieste war, in welchem ich seinerzeit Melitta nach langer Zeit wieder getroffen hatte. Egal, dachte ich, es sind schöne Erinnerungen und ihr Tod lag mittlerweile drei Jahre zurück. Ich nippte am Espresso und plötzlich traf mich die Traurigkeit und die vermeintliche Unsinnigkeit meines Lebens wie ein Blitz. Den ersten Cognac trank ich mit einem Schluck aus und bestellte bei Ria, die nach wie vor hinter der Theke stand, schon den nächsten. Es folgten noch mehrere und ich fand mich am nächsten Morgen, es war Montag, auf einer Parkbank wieder. An den Rest des vergangenen Sonntags konnte ich mich nur dunkel erinnern. Besuch der alten Stammkneipe, ein großes Hallo allerseits, man sah mir offenbar an, dass ich Geld eingesteckt hatte. Großzügige Einladungen an alte Kumpels, aber auch Fremden, folgten. Ich war wieder gelandet, fühlte mich gebraucht und erwünscht. In Wirklichkeit aber war ich nicht angekommen, sondern komplett abgestürzt.

Da waren sie wieder, die Schuldgefühle. Zurück in das Kloster war für mich unmöglich, ich hätte mich entschuldigen und meinen Fehler zugeben müssen. Das konnte ich nicht. Ich schämte mich zu sehr.

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