Die Geschichte meines Vaters
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 05.12.2024, 17:08
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Mein Vater wurde als Sohn des kaisertreuen Eisenbahners Franz Planegger und seiner Frau Cäcilia in der obersteirischen Montanstadt Leoben geboren. Die Mutter starb bei seiner Geburt und auch er selbst kam nur knapp mit dem Leben davon. Nach einer Nottaufe bekam er den stolzen Namen Franz-Josef, der ihm freilich wenig nützte, wenngleich es der Name des Kaisers von Gottes Gnaden war. Zeit seines Lebens hatte er mit allem erdenklichen Unbill zu kämpfen. Durch eine heimtückische Krankheit verlor er sein linkes Augenlicht. Ganz anders hingegen erging es Maria, seiner erstgeborenen Schwester, sie strotzte vor Gesundheit. Mizzi, wie sie genannt wurde, zog es früh in den Vielvölker-Schmelztiegel der Hauptstadt Wien. Der Vater heiratete bald wieder. Seine zweite Frau Theresia konnte keine Kinder bekommen. Diesen Umstand fasste sie als Fluch auf und näherte sich mehr und mehr dem Klischee der bösen Stiefmutter. Ihre Abneigung bekamen Franz-Josef und seine Schwester Mizzi schmerzlich zu spüren. Überhaupt war Unterwürfigkeit den Eltern gegenüber, damals das Gebot der Stunde. Sie mussten Vater und Stiefmutter per Sie ansprechen.
Der Vater (mein Großvater) schickte seinen begabten, aber kränklichen Sohn in die Bürgerschule und danach, mit 14 Jahren ins weit entfernte Kalsdorf bei Graz. Bei seinem Freund Ignaz Fluch, dem ehemaligen Hoflieferant für Spezereien und Kolonialwaren, durfte mein Vater den Beruf des Kaufmanns erlernen. Statt eines Lohnes bekam er lediglich ein kleines Taschengeld vom Lehrherrn. Dafür musste er sechs Tage in der Woche von früh bis spät den Laden sauber halten, die Journale schreiben, das Magazin bestücken und die Petroleumpumpe bedienen. Wenn die Kundschaft gerne auch nach Ladenschluss Kerosin für die Öllampen brauchte, musste Franz-Josef zur Stelle sein. Das war jene Art von Dienstleistung, die ihm den meisten Ärger bescherte, denn der Gestank des Petroleums haftete überall an. Nur mit Soda und Reibsand war die ölige Schmiere wegzubringen. Das musste sein, denn mit schmutzigen Händen durfte sich niemand zu Tisch setzen. Die Abende verbrachte er in seiner kalten Kammer unter dem Dach. Allein.
Franz-Josef drehte sich in seine Decke ein und sah seinem einzigen Mitbewohner, einem langbeinigen Weberknecht, zu, wie er sich mit wippenden Beinen langsam dem Lichtschein der Kerze auf dem Nachttisch näherte. Um die arme Kreatur zu schützen, blies er schnell die Flamme aus, schickte ihm noch einen Gute-Nacht-Gruß hinterher und zog sich die Decke über den Kopf. Doch der ersehnte Schlaf wollte sich nicht einstellen. Ein schleichender Druck zog in seine Brust, das Atmen fiel ihm schwer. Eine lang unterdrückte Traurigkeit machte sich breit, seine Mundwinkel zuckten, als er das Salz der Tränen auf den Lippen spürte. Er fühlte sich leer wie nie zuvor. Franz-Josef schluckte und wusste, was es war. Heimweh.
Der Sonntag war der freie Tag, allerdings mit der Auflage, in die katholische Frühmesse zu gehen. Also war nichts mit Ausschlafen, denn die zweite Messe um zehn Uhr durfte er nicht besuchen, die war ausschließlich den Herrschaften vorbehalten.
Manchmal gab es ein Dorffest und es ging hoch her im ganzen Ort. Franz-Josef besaß wenig Geld, aber für ein paar Krügel Bier reichte es, so kam er zu seinem ersten Rausch. Er legte seine Schüchternheit ab wie einen lästigen Überzieher und sang mit den Bauernburschen aus dem Dorf unflätige Lieder. Außer der üblichen Dorfmusik trat auch ein südländisch wirkender Musikant mit einer Mandoline auf. Erst zupfte er nur an den Saiten, steigerte sich dann aber in ein fantastisches Tremolo. Franz-Josef gefiel diese Art von Musik. Er glaubte sich erinnern zu können, auf dem Dachboden hinter seiner Schlafstatt so ein Instrument gesehen zu haben. Leicht beschwipst ließ er den Sonntag ausklingen, ging singend nach Hause und begab sich auf die Suche nach dem Ding. Der Reiz des Neuen, womöglich Verbotenen, veranlasste sein Herz schneller zu schlagen. Mit einem Kandelaber samt flackernder Kerze durchsuchte er die Rumpelkammer und fand die verstaubte Truhe, in der er das gitarrenartige Instrument vor Wochen entdeckt hatte. Vorsichtig stellte er den Kerzenleuchter zur Seite und zog das gebauchte Lederfutteral heraus und tat einen Jauchzer. Vor ihm lag im Kerzenschein eine Mandoline. Alle vier Saitenpaare waren intakt. Ein ungeahntes Gefühl der Freude hatte Besitz von ihm ergriffen, als er erstmals in die Saiten schlug. Es war ein großer Tag für ihn gewesen, er hatte den ersten (kleinen) Rausch seines Lebens und eine Begleiterin für die Nacht gefunden. Seine heimliche Geliebte war ab sofort diese bauchige Mandoline. Im Tragekasten fanden sich sogar hochwertige Zupfblättchen aus Schildpatt und zwei Reservesaiten. Voilá, einem ersten Tremolo stand nichts im Wege.
Endlich nach drei Jahren wurde mein Vater von seinem Lehrmeister freigesprochen. Franz-Josef Planegger bekam sein Lehrzeugnis ausgehändigt und zu gleicher Zeit die entmutigende Mitteilung, dass er nicht bleiben könne. Zum Abschied schenkte ihm sein Lehrherr die Mandoline, auf der er drei Jahre lang in den Abendstunden heimlich geübt hatte. Ignaz Fluch hatte es längst bemerkt und es war ihm egal, die Mandoline war ein Instrument, das lange Zeit nur herumlag und mit der keiner etwas anfangen konnte.
Eine Arbeitsstelle als Kaufmann war nicht in Sicht. Die allgemeine Arbeitslosigkeit ließ ihm keine andere Wahl, als auf die Walz zu gehen. Diese Wandertätigkeit führte ihn im losen Verbund mit gleichgesinnten Arbeitslosen mit einem bei einer Tombola gewonnenen Fahrrad quer durchs Land. Jahre der Not, die andauernde Aussichtslosigkeit auf ein geregeltes Einkommen und nicht zuletzt seine angeschlagene Gesundheit ließen die Hemmschwelle für kleinere Gaunereien sinken.
Jahrelang zog er mit seiner Mandoline durch das Land, spielte immer die gleichen Lieder für Proviant und eine Schlafstelle im Heu. Seine körperlich kräftigeren Kumpels verdingten sich gelegentlich als Tagelöhner. Für Franz-Josef, der sich selbst als „Bleistiftspitzer“ bezeichnete, gab es selten eine adäquate Beschäftigung, also spielte er umso mehr auf seiner Mandoline. Nicht immer waren die Walzbrüder gern gesehen, so zum Beispiel beim Lechner, dem reichsten Bauer im ganzen Landkreis. Dieser Landwirt empfing die Hungrigen mit der fiesen Frage: „Wollt’s gestrige Knödel?“ Beim demütigen Bejahen kam sogleich die feindselige Antwort des feisten Bauern: „Dann kommt´s morgen, heut’ sind die Knödel frisch!“ Kein Wunder, dass nach solchen Begebenheiten der sonst ehrenwerte Walzbruder gelegentlich zum Eierdieb wurde. Da konnte es schon vorkommen, dass so ein flüchtendes Federvieh direkt zwischen die Räder seines Drahtesels kam und von ihm den Kragen umgedreht bekam.