Die Kuchenfrau 1968/69
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Feierabend-Mitglied
11.05.2025, 15:24
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Aus der Ferne hörte ich die Glockenschläge der Turmuhr von Stift Nonnberg. Es war neun Uhr früh. Der Schnee, der über der Stadt lag, machte alles ruhig und friedvoll. Ich atmete tief durch und hatte das Gefühl, als ob hier draußen reinere Luft wäre als drinnen im Gefängnishof. Kalter Wind wehte von der Salzach herauf und ließ die Flocken um den Brunnen am Kajetanerplatz tanzen. Kein Mensch war zu sehen, außer dem Hausarbeiter, der, begleitet von einem Justizbeamten, Kies auf den schneeglatten Gehsteig streute und mich warnte: „Ganz schön rutschig hier draußen, pass’ auf, dass du nicht gleich den Salto retour machst.”
Er hatte wohl bemerkt, dass ich nur Sommerkleidung trug. Mir war klar, dass Mokassins nicht zum Wetter passten, aber was sollte ich tun? Ich hatte keine anderen Schuhe und auch das Sakko war nicht winterfest. Ich stellte meine Tasche auf den Boden, wandte den Blick zurück und dachte an meinen letzten Hofgang vor zwei Tagen.
„Mich seht ihr hier nie wieder”, hatte ich zu den Kollegen gesagt. Es war mein voller Ernst gewesen. Die Antwort war höhnisches Gelächter. Ich war viele Monate ohne Alkohol ausgekommen. Nicht freiwillig, aber immerhin. Viel schwerer zu ertragen war das Miteinander mit Typen, die ich insgeheim in die Kategorie 'Geistige Tiefflieger' eingeordnet hatte.
Langsam kroch die Kälte meine Beine hoch. Ich nahm die Tasche vom Boden auf und ging los. Mir war klar, ich musste neue Wege gehen, um nicht wieder im Milieu unterzugehen. Keine Ahnung, wie das gehen könnte, aber ich wusste, dass ich wollte. Neidisch blickte ich über den Domplatz zu den dick vermummten Kirchgängern, deren festes Schuhwerk tiefe Muster im Neuschnee hinterließ. Meine Spuren waren ohne Profil. Das zu ändern war mein Ziel.
Ich ging in das noble Kaffeehaus in der Altstadt. Von diesem hatte ich lange geträumt. Jetzt erfüllte ich mir diesen Wunsch. Egal, wie teuer es sein würde, dachte ich. Die Zeit der Entbehrungen war vorbei. Im Gefängnis gab es keinen Bohnenkaffee. Als ich durch die Schwingtür in das Kaffeehaus eintrat, empfing mich der Duft von Kaffeebohnen, süßer Schokolade und exotischem Pfeifentabak.
Antike Möbel aus Nussbaumholz reihten sich um steinalte Säulen, die den Geist prunkvoller Zeiten in sich trugen. An Wandhaken hingen Zeitungen wie dürre Blätter. Ich nahm am kleinsten Marmortisch gleich neben den Kleiderständern Platz. Ein zweiter Sessel diente als Ablage für meine Tasche. Ich hatte es mir gerade bequem gemacht, als sich am Nebentisch ein gedrungener Typ mit schlohweißem Haar bei seinem glatzköpfigen Gegenüber beklagte: Es sei ein Malheur, er sei erledigt. Und was er jetzt ohne seine Dame tun solle. Zuerst dachte ich, es gehe um eine Frau, bis der Glatzkopf triumphierend „Schachmatt” rief.
Ich lehnte mich zurück, winkte dem Oberkellner und bestellte, als hätte ich nie etwas anderes getan: „Espresso groß, Cognac Hennessy, auch groß. Und Zigaretten: Marlboro.”
Feierlich nahm ich den Schwenker zwischen meine Finger, ließ den Cognac im Glas kreisen und prostete mir selbst zu. Ein echter Freudentag, dachte ich, und öffnete die Zigaretten-Box. Ich genoss das Aroma des Tabaks und zog eine Zigarette heraus. Die erste Marlboro seit langer Zeit. Als ich das Streichholz anriss, um sie anzuzünden, bemerkte ich, dass meine Hände vor Aufregung zitterten. Beim ersten Zug wurde mir schwindlig. Ich fühlte mich schwerelos. Ein himmlisches Gefühl, dachte ich, könnte ich es nur für immer behalten.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie eine adrett gekleidete Frau von Tisch zu Tisch ging und feinste Kuchen- und Tortenstücke anpries. Mit Minikleid würde sie mehr verkaufen, dachte ich. Die Kardinalschnitte sah fantastisch aus, aber ich beherrschte mich. Meine gesamte Barschaft betrug einhundertdreiundachtzig Schilling. Ich nahm lieber noch einen Cognac, vergaß die Kuchenfrau und widmete mich den Stellenangeboten in den Salzburger Nachrichten.
„Wie schön, hier ein bekanntes Gesicht zu sehen”, sagte die Kuchenfrau, die plötzlich neben mir stand. Ich schaute verwirrt auf.
„Apfelstrudel gefällig?”, fragte sie und beugte sich nach vor. Mein Blick blieb in ihrem Ausschnitt hängen.
„Ich wette, du kannst dich nicht an mich erinnern”, sagte sie.
„Sollte ich das?”, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.
Sie lächelte und ging weiter.
Die 'Zwetschge', jetzt fiel es mir ein. So wurde sie genannt, wenn sie nicht in der Nähe war. Ihren richtigen Namen hatte ich vergessen. Dass sie sich an mich erinnerte, ließ mich glauben, dass unsere damalige Affäre die Zeit überstanden hätte. Wie weit die Fummelei gegangen war, wusste ich nicht mehr, wir waren betrunken gewesen.
Heinz, unser Chef, war mit ihr in einer Beziehung. Seit sie mit ihm zusammen war, brauchte sie nicht mehr als Animierdame arbeiten, sie war zur Barfrau aufgestiegen. Ich war zu dieser Zeit der Mann für alles im Blue Velvet.
Sie war zurückgekommen von ihrer Kuchenrunde. „Sagen sie immer noch Fernand zu dir?”, fragte sie.
„Nein, aus dem Fernand ist wieder der Ferdinand geworden.”
„Ich bin jetzt auch wieder Rosmarie, nicht mehr Mary”, sagte sie und lehnte sich mit ihren Schenkeln an meinen Arm. Ich erwiderte den Druck, bekam eine Erektion und grinste. Sie wusste, warum.
„Und, was treibst du so, Ferdinand?”
„Na ja, wie soll ich sagen? Ich sitz auf dem Trockenen. Bin heute losgegangen. Landesgericht, wenn du weißt, was ich meine.”
„Pscht, red’ net so laut. Ich will den Job hier behalten.”
„Verstehe. Und was ist mit Heinz, bist noch bei ihm?”
„Ach, wo denkst du hin? Nein, schon lange nicht mehr. Er ist, soviel ich weiß, in Hamburg, Eros-Center oder so.”
Ich zögerte ein paar Sekunden, dann sagte ich, vermutlich mit einem Flackern in den Augen: „Ich glaube, wir sollten unser Wiedersehen feiern und über alte Zeiten reden. Was meinst du, Rosmarie? Hast Lust, hast Zeit?”
„Für dich immer, Ferdinand. Ich hab’ nichts vergessen, du warst immer lieb zu mir.”
„Wie lange musst du noch arbeiten?”
„Um fünfzehn Uhr kommt meine Ablöse.”
„Okay, ich hole dich ab.”
„Nein, bitte nicht! Die Kollegen schauen eh schon so blöd. Warte auf mich im Kapuziner-Stüberl, beim Mario. Du weißt Bescheid?”
„Nicht gerade die feinste Adresse”, sagte ich.
„Rosmarie flüsterte mir ins Ohr: „Brauchst du Geld, Ferdinand?”
„Meinst du das im Ernst?”, fragte ich und hoffte, dass es entrüstet genug klang.
„Natürlich, wir sind doch Freunde, oder?”
Kurz darauf brachte sie mir einen Apfelstrudel. Unter der Serviette lagen zwei Einhundert-Schilling-Scheine. Ich rief den Oberkellner, bezahlte und schlängelte mich mit meiner Tasche durch die Tischreihen des mittlerweile voll besetzten Kaffeehauses. Wie zufällig streifte ich um Rosmaries Hüfte. Ihr Augenzwinkern war kaum zu erkennen, aber ich sah es.
„Baba, bis dann”, sagte ich und verließ das Lokal. Ich war durcheinander. War das die Zwetschge, die einen Lustknaben suchte oder war es die neue Rosmarie, die mir eine Freude machen wollte? Egal, dachte ich, wer immer sie ist, sie hat sich gefreut, mich zu sehen, also werde ich tun, was ich kann.