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Die Queen in Salzburg

Von Feierabend-Mitglied Freitag 14.02.2025, 12:08



Wir waren am besten Weg, unser Leben in den Griff zu bekommen. Immerhin hatte ich mein Alkoholproblem reduziert, Melitta war zumindest teilweise in die Arbeiten am Umbau integriert. Es ging uns gut. Trotzdem planten wir längerfristig für die Zukunft. Herr Christ, der Besitzer der Coconi-Villa, hatte angeboten, die Hausmeisterwohnung auch nach Fertigstellung der Umbauarbeiten an uns zu vermieten.
Ich spekulierte mit einem Job in München als Fliesenleger im Olympia-Dorf. Firmen boten Akkordarbeit an, der Verdienst wäre mindestens doppelt so hoch als bei uns hier in Salzburg. Auch Melitta war permanent auf Jobsuche.
Der 9. Mai war ein verregneter Tag. Melitta saß am Küchentisch. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter und sagte: „Guten Morgen.”
„Guten Morgen, Ferry”, sagte sie und sah mich an.
Mein Güte, ich hatte noch nie so lange Wimpern gesehen. Und diese Augen. Da waren winzige Lachfältchen, die wie Pfeile in alle Richtungen zeigten.
„Hat’s dir die Sprache verschlagen?”, fragte sie und dann: „Setz dich zu mir. Hast du die Zeitung mitgebracht?” Sie schlug den Inseratenteil auf, wie immer. Eine Stelle als Verkäuferin in der Schuhbranche wäre ihr Traum. Sie tat mir leid, weil sie keinen vernünftigen Job fand. Im selben Moment sprang sie auf und rief: „Mein Gott, ich hab’s vergessen!”
„Was? Ich versteh nur Bahnhof!”
„Da, schau! Die Zeitung ist voll davon. Die QUEEN ist in Salzburg, seit gestern schon. Heute spaziert sie durch die Altstadt. Ich muss da hin. Kommst du mit?” Ihr flehender Blick traf mich direkt ins Herz. Ich konnte nicht anders und nahm sie in den Arm. „Natürlich, das machen wir!”, sagte ich, obwohl ich viel zu tun hatte und mir diese Royals ziemlich egal waren. Ich las die Schlagzeilen:
„Queen Elisabeth II mit Prinzessin Ann und Prinz Philipp heute in Salzburg!” Also sprinten wir in die Altstadt. Melitta mit Minirock, ich in Jeans. Zehntausend kreischende Fans mit Union-Jack-Fähnchen bildeten ein Spalier. Wir waren zu spät, standen in der letzten Reihe und sahen null.
„Heb’ mich auf, Ferry, ich muss sie sehen”, bettelte sie. Ich versuchte diese quirlige Frau hochzuhalten. Da kam schon der nächste Befehl: „Nimm mich auf deine Schulter.”
„Wie denn? Spinnst du? Du bist doch kein Kind mehr, Melitta.”
„Heute schon, bitte! Oder bin ich dir etwa zu schwer? Für einen Mann wie dich kann das doch kein Problem sein.”
„Soso, meinst wohl, ich bin Hercules oder was?”
„Bitte, Ferry, stell dich nicht so an. Du bist doch kein Spießer, oder?”
Das hatte gesessen.
Ich überwand mich – und stellte fest: Melittas Schenkel an meinen Ohren fühlten sich gut an. Aufs Neue hatte ich eine Seite von Melitta kennengelernt, die mich den Kopf schütteln ließ. Einmal Frau, dann wieder Kind. Himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt. Mir war klar: Ich musste noch viel lernen.

So verging der Sommer, das Projekt Ceconi-Villa näherte sich dem Ende. Unser Bauherr hatte alle Handwerker zu einer kleinen Feier aufgerufen und lud uns ins Bierzelt des ‚Ruperti-Kirtag’ in der Altstadt ein. Walter, der Gartengestalter, hatte an diesem Tag auch etwas zu feiern, er hatte Geburtstag und schmiss eine Runde nach der anderen. Es ging hoch her. Melitta saß neben ihm. Ich hatte den Eindruck, dass er das feuchtfröhliche Schunkeln nach Klängen der ohrenbetäubenden Blasmusik übertrieb. Ich wollte kein Spielverderber sein und verdrängte zunächst den Gedanken. Aber es war offensichtlich, dass dieser Walter nicht nur dem Garten der Ceconi-Villa zu Leibe rückte, sondern auch meiner Melitta. Darauf angesprochen wurde sie richtig wütend. Ich sei ein Spielverderber, der keinen Spaß verstehe und überhaupt …
Ich schnitt ihr das Wort ab und fragte: „Willst du, dass ich gehe?”
„Ja”, sagte sie, „wenn du glaubst, dass du gehen musst, dann geh doch!”
Und ich ging.

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