Durchblick ist alles
Von
Feierabend-Mitglied
11.01.2026, 09:57 – geändert 11.01.2026, 10:01
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
11.01.2026, 09:57 – geändert 11.01.2026, 10:01
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Das Fenster ist einen Meter breit und ebenso hoch, die Unterkante liegt ungefähr in Kopfhöhe. Ungewöhnlich, wenn man davon ausgeht, dass die Anforderungen an ein Fenster eigentlich ganz andere sind. Fenster sollen Licht in einen Raum bringen und leicht zu bedienen sein. Zum Luftaustausch soll man sie weit öffnen können. Gute Fenster sind mit Kippvorrichtung und Jalousien zur Beschattung oder als Sichtschutz vor ungebetenen Gaffern ausgestattet. Keine dieser Attribute kann dieses Fenster hier vorweisen. Zu allem Überdruss ist es auch noch vergittert.
Felix ist Fensterbauer von Beruf. Zuletzt war er im Außendienst in Sachen Glaselemente tätig. Er verkaufte im ganzen Land die besten – und laut Firmenprospekt – die elegantesten Fenster. Reichten die Finanzmittel des Kunden für die angepriesene Innovation nicht aus, war das noch lange kein Grund, vom Kauf abzusehen. Felix’ salopper Slogan lautete: „Durchblick ist Alles“. Notfalls winkte er mit Krediten aus Konjunkturprogrammen willfähriger Banken. Zuteilungskriterien und Bonitätsanforderungen nahm er nicht so ganz genau. „Das hilft niemanden“, sagte er, schon gar nicht dem Umsatz. Für Felix war Provision das Zauberwort, denn er war am Umsatz beteiligt.
Die Geschäfte liefen gut, jedes verkaufte Fenster brachte ihn seinem Traum, dem Wochenendhaus an der Sonnenseite des Gaisbergs, näher.
Es kam schon vor, dass er, bei den vielen Tricks die er anwendete, die Übersicht verlor. In solchen Zeiten fühlte er sich einsam und allein. Es gab niemanden, mit dem er über seine Probleme reden konnte. Also holte Felix den Alkohol ins Spiel und er war wieder gut drauf. Veruntreute Gelder bagatellisierte er zu kleinen Ausrutschern. Insgeheim war ihm schon klar, dass es nicht nur Ungereimtheiten, sondern durchaus Delikte waren, die er um seines Vorteils Willen beging. In solchen Momenten half nur die Ablenkung vom Gewissen - und die holte er sich in diversen Nachtclubs. Mädchen und Manhattan, was will ich mehr, dachte Felix, und der Schampus floss in Strömen. Sein bevorzugter Wohlfühlschuppen war das „Casanova”. Unterm Rotlicht war Felix der Größte und seine Geheimnisse waren plötzlich keine mehr, warum auch, er hatte nur noch Freunde.
Jetzt stand Felix vor diesem unansehnlichen Fenster. Wenn er den Hals reckte, konnte er das gegenüberliegende Gebäude sehen, kein besonders schöner Anblick. Eine graues Fassade mit exakt den gleichen Fenstern, wie das, aus dem gerade hinaus schaute.
„Es gibt so schöne Fenster”, sagte er zum Justizbeamten. „Warum muss ich als Experte durch solch hässliche Gucklöcher schauen?”
Felix nimmt den einzigen Stuhl in diesem ungastlichen Raum zu Hilfe, um den nahen Kapuzinerberg besser sehen zu können. Mein Gott, wie herrlich grün sind diese Bäume da oben auf dem Berg, sinnierte er. Dankbar über diesen Blick, die Hände ans Gitter gekrallt, lässt er seine Gedanken kreisen und kommt zu seinem alten Slogan zurück.
Durchblick ist eben alles. Auch im Gefängnis.
© text by ferdinand
© foto by unsplash