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Ein hoffnungsloser Sprössling – über eine Jugend .

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 12.06.2025, 09:43 – geändert Donnerstag 12.06.2025, 18:38

„Ein hoffnungsloser Sprössling.“
So hatten sie mich genannt. Genauer gesagt: einer aus Vaters trinkfester Männerrunde. Halb im Scherz, voll im Suff. Ich war zufällig dabei, stand unbeholfen herum, als der Satz fiel – wie ein schiefer Hieb, der doch traf. Ich hasste den Kerl dafür.

Damals durchlebte ich eine Zeit, in der mir alles entglitt. Man hatte mir meine erste große Liebe genommen – Andrea. Nach einem Sommer wie im Film kam die kalte Wirklichkeit. Ihre Eltern verboten ihr den Umgang mit mir. Ich war nicht standesgemäß: Hauptschule, Arbeiterkind, der Vater ein Trinker. Andrea ging aufs Gymnasium, stammte aus gutem Haus. Wir trafen uns heimlich, hielten aneinander fest, bis auch das nicht mehr ging. Dann verschwand sie – ins Internat. Einfach so.

Ich war plötzlich allein. Verlassen, verraten, ohne Schuld und ohne Halt. Niemand, mit dem ich hätte reden können. Und wenn doch jemand bemerkte, dass sich in mir etwas verändert hatte, dann kamen bloß dumme Sprüche. Meine kleine Welt war zusammengebrochen.

Das neue Schuljahr begann. Ich hatte die letzte Klasse wiederholt, diesmal sogar mit Bestnoten abgeschlossen. Doch was nützte das? Die Luft war raus. Ich schleppte mich durch die Tage wie ein Zombie. Pubertät? Vielleicht. Herzbruch? Ganz sicher. Ich wollte nur noch weg. Raus aus allem.

Meine Noten rutschten ab, und keiner fragte warum. Kein Lehrer kam auf die Idee, dass hinter dem Absturz etwas stecken könnte. Schon gar nicht der Mathelehrer – ein alter, kurzgeschorener Schinder mit Marschtritt und Nazitonfall. Sein Kommentar: „Ho ruck – sechs fuchzg.“ Das bedeutete: Du wirst enden als Hilfsarbeiter oder Straßenkehrer, für sechs Schilling fünfzig die Stunde. Ich dachte mir: Von mir aus. Besser als hier zu sitzen und langsam zu verfaulen.

Ich hatte einen Schulkameraden, Helmut. Bei ihm sah’s zu Hause ähnlich trist aus. Wir hatten gerade gemeinsam ein Buch verschlungen – über einen Jungen in Italien, der von zu Hause ausreißt, an einem Hafen als Schiffsjunge anheuert und glücklich davonsegelt. Wir waren sofort Feuer und Flamme. Der Ragazzo – das waren wir. Seine Flucht war unsere.
Wir fühlten uns ungeliebt, unverstanden – von den Lehrern, den Eltern, der ganzen Welt. Also schmiedeten wir einen Plan: Wir hauen ab. Niemandem würden wir fehlen.

Am nächsten Morgen standen wir an der Landstraße Richtung Süden. Der Daumen raus – es funktionierte tatsächlich. Ein ahnungsloser Autofahrer nahm uns mit bis Graz. Irgendeine Lügengeschichte hatten wir ihm erzählt, was genau, weiß ich nicht mehr. Aber wir waren unterwegs. Das Ziel: das Meer. Italien. Oder Jugoslawien. Egal. Hauptsache fort.

In Graz schlug Helmut vor, zum Hilmteich zu gehen. Dort, beim Rosenhain, ging er früher mal zur Schule. Er meinte, es gäbe dort einen Bootverleih, vielleicht könnten wir da arbeiten. Natürlich war das nichts als Wunschdenken.
Am Steg lagen ein paar Boote, daneben ein geschlossener Kiosk in Form eines riesigen Fliegenpilzes. Kein Mensch weit und breit. Die Grazer hatten werktags offenbar Wichtigeres zu tun, als Tretboot zu fahren.
Wir hockten uns ans Wasser, beobachteten träge Karpfen und spürten zum ersten Mal, wie groß die Freiheit und wie klein das Geld sein kann. Wir redeten über die Schule, die Lehrer, die Eltern. Ob sie uns vermissten?

Der Abend kam. Hunger und Durst auch. Wir kratzten die letzten Schillinge zusammen und kauften ein Stück Brot. Dann die nächste Frage: Wo schlafen?
Helmut hatte eine Idee. Nicht weit von hier, bei der Basilika Maria Trost, gäbe es hinterm Berg Felder und einen alten Stadl. Wir stapften los. Und fanden tatsächlich einen Heustadl – leer, bis auf ein paar Haufen Kuhfutter.
Ich hatte noch nie im Heu geschlafen. Was romantisch klingt, ist in Wahrheit ein Juck- und Kratzabenteuer. Helmut, erfahrener als ich, dozierte: „Ausziehen, Mulde graben, mit Heu zudecken – nicht mit der Kleidung.“ Ich tat, wie geheißen. Es half wenig.

Die Nacht war lang und kalt. Die Balken ächzten, irgendwo heulte der Wind, ein Käuzchen schrie, und die Glocken von Maria Trost zählten im Viertelstundentakt die Schlaflosigkeit. Ich fror. Ich fluchte. Ich rechnete meine Sünden nach – vielleicht war ich bald durch damit.
Der Morgen kam gegen fünf. Erlösung. Raus aus dem Stadl, runter zum nahen Bach, den wir nachts schon gehört hatten. Hände, Gesicht, Hals waschen – mehr war nicht drin. Rasieren mussten wir zum Glück noch nicht.
Und jetzt? Wohin? Was tun?

Wir wollten zum Meer – aber der Weg war weit, und der Magen leer. Ich schlug vor, irgendwo nach Arbeit zu fragen. Helmut fand den Vorschlag gut, wollte aber, dass ich frage. Schließlich war es meine Idee. Wir stritten ein wenig. Dann ließen wir’s bleiben. Ohnehin hatten wir keine Papiere, nur einen zerknitterten Schülerausweis.

In seiner Not erinnerte sich Helmut an seine Mutter, die in Graz lebte – kein Kontakt mehr seit der Scheidung. Aber vielleicht jetzt? In dieser Lage?
Wir marschierten quer durch die Stadt bis nach Eggenberg. Und hatten tatsächlich Glück: Helmuts Mutter war noch daheim. Sie staunte nicht schlecht, als ihr Söhnchen vor der Tür stand – samt mir, blass, blond, mit zerrupftem Haaren und einem Stimmbruch wie ein erkälteter Rabe.

Sie stellte Fragen – viele. Und wir hatten keine Antworten. Jedenfalls keine übereinstimmenden. Schule? Papa? Warum Graz? Wieso überhaupt?
Dann kam das Donnerwetter. Wir nahmen’s hin – wie Männer eben. Und bekamen dafür ein warmes Essen. Wir hätten in diesem Moment alles versprochen. Helmuts Mutter telefonierte. Das war damals keine Kleinigkeit – ein „Vierteltelefon“, eine geteilte Leitung mit Nachbarn, das war üblich. Irgendwann kam sie zurück: „Ihr könnt heimfahren. Alles in Ordnung.“
Sie hatte den Schuldirektor erreicht, der wiederum Helmuts Vater und meine Mutter. Mein Vater war nicht erreichbar – unterwegs auf einer seiner Sauftouren. Aber das war nichts Neues.

So endete unsere große Flucht ans Meer. Kein Schiff, kein Hafen, kein Ragazzo. Nur eine Rückfahrt nach Hause – im Gepäck Hunger, Heimweh und ein bisschen mehr Wirklichkeit. Eine Tracht Prügel war zu erwarten – aber auch das war besser als frieren und fasten.Fazit: Die Schule des Lebens kann man nicht schwänzen. Nicht mal für ein Abenteuer.

© story by ferdinand
© photo by unsplash

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