Ein Junge, ein Bauchladen und ein grauer Herbsttag
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 24.04.2025, 13:21
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„Mama, schau, da sind glitzernde Perlen!“
Ich war fasziniert von den Regentropfen, die im Straßenstaub aufprallten und sich in funkelnde Wasserperlen verwandelten. Ich wollte nicht mehr an Mutters Hand gehen. Ich dachte, ich sei schon groß genug, um allein zu laufen. Immerhin war ich schon sechs.
Es war ein trüber Herbsttag. Wir waren auf dem Heimweg aus der Nachbarstadt. In unserer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt, wollte Mutter nicht bei der Arbeit gesehen werden, sagte sie. Auch Vater schämte sich. Ich verstand das nicht. Mir gefiel es, wenn wir unsere Waren an den Wohnungstüren anboten. Mutter erklärte mir, dass bei uns im obersteirischen Industriegebiet die meisten Leute in den Hochöfen und Stahlwerken arbeiten. Sie wohnten in den Arbeiterhäusern nahe der Fabriken. Dorthin gingen wir, dort verkauften wir unsere Dinge. In den besseren Vierteln wohnten Geschäftsleute und die Engländer. Die Besatzung. Sie sprachen nur Englisch und hießen eigentlich Briten, aber keiner nannte sie so.
Die Schlote der nahen Papierfabrik waren im Dunst kaum zu erkennen, es stank wie immer nach scharfen Laugen. Manchmal, wenn die Sonne durchkam, schimmerten die gelben Schwaden über den Schornsteinen. Aber meistens war alles grau. Mutter zog mich schneller an sich, und während ich neben ihr herhetzte, sah ich, wie Nero, der Hund vom Fleischhauer, sein Bein an der Litfaßsäule hob und ein Plakat anpinkelte. Darauf war eine Fabrik zu sehen, daneben lachende Arbeiter in sauberer Kleidung. Alles war bunt und freundlich.
„Mama, wo ist diese schöne Fabrik?“
„Das ist nur Reklame von den Kommunisten. Kannst du gleich vergessen – ist sowieso alles gelogen“, sagte sie und zerrte mich weiter.
„Mama, warum rennst du so?“
„Weil es zu regnen beginnt und wir nicht nass werden wollen.“
Ich liebte den Regen. Deshalb verstand ich ihre Eile nicht. Wenn ich an anderen Tagen allein war und draußen vor dem Haus spielte, blieb ich immer so lange wie möglich draußen. Ich saß auf der Bordsteinkante und sah den Tropfen beim Platschen zu. Dort war Platz. Anders als in unserer kleinen Wohnung.
Dort war es eng und finster. Ein Vorhang, der „spanische Wand“ genannt wurde, trennte den Wohnbereich von der Schlafnische. Nur ein Fenster ging hinaus zum Hof. Es roch nach Zigarettenrauch, nach verbrannter Kohle – und nach dem Schnaps meines Vaters. Wir hatten einen Tisch mit drei verschiedenen Stühlen, eine Kommode und ein Waschgestell mit einer emaillierten Schüssel, die „Lavoir“ hieß. Das schönste Stück war die schwarze Schreibmaschine mit der goldenen Aufschrift. Manchmal durfte ich sie hinter der Kredenz hervorholen, Mutter spannte ein Blatt Papier ein, und ich hämmerte auf die Tasten. Ich liebte dieses Klacken, wenn die Typenhebel auf die Walze schlugen. Das war Musik für mich.
Meine Mutter trug einen zugeklappten Bauchladen, der mit einem Gurt quer über der Brust befestigt war. Sie klagte oft, dass der Riemen einschneide, genau wie der Rucksack, der ihr den Rücken schmerzte. Wir waren Hausierer, zogen von Tür zu Tür und verkauften einfache Dinge für den Alltag. Vor Polizisten mussten wir uns hüten. Für sie waren wir Bettler, weil wir keinen Gewerbeschein hatten. Illegale, sagten sie.
Ich ging gern mit meiner Mutter auf Tour. Am liebsten war mir, wenn ich die Klingelknöpfe drücken durfte. Manche waren ganz schlicht, andere glänzten golden oder trugen verschnörkelte Namen. Mama sagte immer: „Schau traurig, wenn die Tür aufgeht.“ Ich wusste nicht genau, was sie meinte – ich lachte einfach nicht. Die meisten Leute waren freundlich. Sie strichen mir übers Haar und sagten: „Na, Kleiner.“
Ich mochte den Bauchladen meiner Mutter. Er war voller kleiner Schätze: Patentknöpfe, Nadeln, Zwirn, Schuhbänder, Garn. Manchmal gab es auch Säckchen mit Salz und Pfeffer. In der Weihnachtszeit sogar Zimt oder Weihrauch – der roch herrlich.
Für den Einkauf beim Großhändler war mein Vater zuständig. Er kannte die Leute noch von früher, deshalb bekam er auch ohne Schein Ware. Früher, sagte meine Mutter, hatte er ein eigenes Geschäft, war ein angesehener Unternehmer. Jetzt verdiente er nichts mehr. Deshalb mussten wir verkaufen, damit wir Essen hatten. „Es wird schon wieder“, sagte sie. Aber dass es halt schwer sei, nach dem Gefängnis Arbeit zu finden. In Gesprächen, die nicht für meine Ohren bestimmt waren, hörte ich Worte wie Betrug und Konkurs. Wenn ich fragte, bekam ich keine Antwort. Höchstens ein: „Das verstehst du noch nicht.“
Heute war ein guter Tag. Im Rucksack verstauten wir Lebensmittel, die uns Menschen geschenkt hatten. Mutter hatte sogar eine Flasche Rum von einem Soldaten bekommen. Der wollte mit ihr anstoßen, aber sie hatte abgelehnt. Sie fürchtete sich. Ich auch – ich hatte noch nie einen Schwarzen gesehen. Manchmal wurden wir auch verjagt, mit Worten, die ich nicht kannte. Wenn ich fragte, was sie bedeuteten, sagte Mutter nur: „Mach dir keine Gedanken. Böse Leute gibt’s überall.“
Wir waren müde und gingen in eine Kirche, um uns auszuruhen.
„Da sind wir sicher“, sagte Mutter und strich mir übers Haar.
„Ich bin so froh, dass du mit mir unterwegs bist, Ferdinand.“
Da kam ein Herr – der Pfarrer. Er fragte, ob er helfen könne und ob es uns gut gehe.
„Ja, es geht schon“, sagte Mutter und sprach mit ihm über die schlechten Zeiten nach dem Krieg.
Bevor wir weitergingen, fragte mich der Herr Pfarrer, was ich einmal werden wolle. Und ich sagte:
„Ich möchte ein Kaufmann werden. Aber einer, zu dem die Leute ins Haus kommen. Nicht umgekehrt.“
©photo & text by ferdinand