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Fahrt ins Ungewisse

Von Feierabend-Mitglied Freitag 21.03.2025, 17:54 – geändert Freitag 21.03.2025, 20:19

1956 , Am Tag vor den Sommerferien hatte unser Vater beschlossen, dass ich mit meinem Bruder am nächsten Tag mit den Fahrrädern für 6 Wochen ins Bundesgebiet fahren „darf.“ Wir bekämen von ihm jeder 10.-DM, ansonsten müssen wir uns durchschlagen, das würde uns lebenstüchtig machen. Erst nach den Sommerferien durften wir zurückkommen. Wir wohnten mit 9 Personen in 1.5 Zimmern und es wird Zeit, dass mal ein bisschen mehr Platz ist.

Mein Bruder war 14 Jahre und ich 12, ich hatte nur ein Kinderfahrrad. Mein Bruder sah mich an und nahm nur stumm meine Hand, bei uns wurde nicht diskutiert, was der Vater sagte war unumstößlich.

Am nächsten Morgen ging es los, Mutter hatte die Rucksäcke gepackt und weinte. Ich realisierte erst jetzt, in welcher Situation wir waren. Mein Bruder war großartig, ich wusste, ich kann mich auf ihn verlassen, obwohl er ja auch noch ein Kind war. Er nahm mich in den Arm und sagte : „WIR SCHAFFEN DAS!!!“

Wir verdienten uns das Notwendigste, in dem ich in Gaststätten in der Küche half und mein Bruder im Stall oder auf dem Feld arbeitete. Dann durften wir in der Scheune schlafen, aber meist übernachteten wir im Wald.

An vieles erinnere ich mich nicht mehr, mein Zeitgefühl hatte aufgehört. Ich weiß noch, dass wir zweimal auf einem Markt beim Obst klauen erwischt wurden. Oft hatten wir Hunger, dann aßen wir Früchte aus dem Wald. 1956 gab es noch kein Jugendschutzgesetz und man achtete kaum auf streunende Kinder.

Mein Bruder hat mich immer beschützt, ich bewundere ihn noch heute für die Geduld und die Fürsorge, die er mit seiner kleinen Schwester hatte, auch wenn er oft sehr genervt und wütend auf mich war.

Wir entschieden uns, die letzte Nacht im Freien zu schlafen, es war warm und wir wollten noch einmal eine Nacht unter dem Sternenhimmel verbringen. Es war wunderschön, aber auch traurig, denn es war ein Abschiednehmen von Freiheit, Selbständigkeit, Natur, lauter Dinge, die ich vorher nicht kannte.

Zu Hause angekommen griff etwas nach mir, dass mich flacher atmen ließ. Enge, Großstadt, Lärm, Schule, na ja, der Alltag war da mit all seinen Zwängen, Disziplinierung und Kontrolle. Dazu kam die dauernde Angst vor dem strengen Vater. Unsere Mutter weinte, ich nahm sie in die Arme und hielt sie ganz fest. Stolz zeigten wir dem Vater die 50.-DM verdientes Geld, wir wollten uns davon etwas Schönes kaufen….. er nahm es mit den Worten: „Ihr seid alt genug, um zum Unterhalt der Familie etwas beizutragen“ und steckte es ein…..Kein Wort mehr und keine Frage…. Fassungslos und starr waren wir Beide, da war es wieder wie ein Schlag, das vertraute Gefühl meiner ganzen Kindheit. Wenn man 6 Wochen ein neues, anderes Lebensgefühl kennengelernt hat, dann ist das besonders schmerzlich.

Scheiße flüsterten wir beide, hätten wir doch nichts gesagt!

Diese Wochen waren voll mit so tiefen Erfahrungen, noch oft gaben sie mir in Krisenzeiten Kraft und Zutrauen in mein Sein. Ich könnte ein Buch schreiben über die unzähligen Erlebnisse dieser Wochen, aber sehr viele Bilder begleiten mich noch heute.

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