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Ferien in Wien (2)

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 09.04.2025, 15:09


Brot und Pferde

Als ich einmal die Mizzitant von der Arbeit abholte, wurde ich ihrem Chef, dem Direktor vorgestellt. „Ich bin der Leopold“, sagte er und lachte. Für mich war er ab sofort Onkel Leopold. Ich spürte, dass er mich mochte. Mizzitant erzählte mir, dass er keine Kinder hätte und dass seine Frau gestorben sei.

Onkel Leopold wurde mein Gönner. Ich war schwer beeindruckt von diesem wirklichen „Herrn“. Statt einer Krawatte trug er eine gepunktete Fliege (die bei uns „Mascherl” heißt) und über den Schuhen cremefarbene Gamaschen, einfach nur edel. Er sprach mit mir wie mit einem Freund, das gefiel mir. Onkel Leopold wusste auf alles eine Antwort, schlüssig und verständlich. „Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle”, sagte meine Tante. Als Witwer war er bei allen Damen beliebt, was mir gar nicht passte, ich wollte ihn für mich allein haben.
Mein erster Ausflug mit Onkel Leopold führte ins Innere der Ankerbrot-Fabrik. Das war ein Erlebnis! Damals gab es noch viele Pferdefuhrwerke mit denen das Brot ausgefahren wurde. Die hellgrauen Wagen waren mit dem berühmten roten Anker auf weißem Grund bemalt. Da standen und fuhren unzählige Gespanne und Pferde und all dies durfte ich sehen. Die Expedithalle und die Stallungen waren für meine Augen ein endloses Paradies. Ich habe heute noch den Geruch von Pferden und frischem Brot in der Nase, wenn ich an Wien denke. Das werde ich wohl nie vergessen.

In diese Zeit fiel auch mein Geburtstag, dem ich allerdings keine große Bedeutung beimaß. Bei mir zu Hause gab es keine Geburtstagsfeier oder Geschenke. Mit etwas Glück bekam ich neue Schuhe, die sowieso dringend notwendig waren. Onkel Leopold hat mir für meinen großen Tag, wie er es nannte, eine Überraschung versprochen. Ich war gespannt.

„Das gibt’s ja gar net, das ist ja der totale Luxus!“, entschlüpfte es der Mizzitant, „da holt der Herr Direktor den Buben doch glatt mit dem Taxi ab.”
Onkel Leopold hatte sein Versprechen gehalten. Die Fahrt ging zunächst zum Kahlenberg und über die Höhenstraße, es war Kaiserwetter und mein väterlicher Freund übertraf sich selbst. Auf einer Bank vor dem Cobenzl genossen wir bei einem Erdbeereis den großartigen Ausblick über die Wienerstadt. Onkel Leopold erzählte mir Geschichten von Wien und von den Habsburgern, vom Kaiser und von seinem Vater, der Offizier der k & k Armee war. Dann beantwortet er eine Frage, die ich gar nicht gestellt hatte: „Von ihm stammen übrigens die Gamaschen, die ich ihm zu Ehren, über meinen Schuhen, trage.“
Ich verstand nicht alles, aber ich war mächtig stolz auf ihn. Ich war gespannt, was wir noch alles unternehmen würden. Da kam auch schon die Frage: „Ferdinand, magst mit mir zum Wirt'n gehen?“
Was für eine Frage, dachte ich. Dass mich überhaupt wer fragt, was ich will und was ich wünsche, das war ungewohnt. So etwas kannte ich nicht.

Überrascht höre ich mich sagen: "Natürlich, eh klar", und schämte mich dafür, weil ich glaubte, dass mir dieser Ton nicht zustehen würde.
Das Wirtshaus war das Stammlokal der Führungsleute von Ankerbrot, eigentlich war es ein Restaurant, gerade fein genug für meinen Gentleman-Onkel. Der Eingang war in der Quellenstraße, dort wo die Tramway immer laut knirschend um die Kurve fuhr. Es gab ein Riesen-Hallo, als ich mit Onkel Leopold das Lokal betrat. Wir gingen - nein - wir schritten durch das Gastzimmer zum sogenannten Extrazimmer, dem Raum für besondere Gäste.

Die Tür ging auf - Musik begann zu spielen und alle sangen ein Lied für mich. Da standen sie: die Mizzitant, der Pepionkel, die Nachbarin und ein paar Freunde, natürlich die Babička, diesmal ohne ihren Wenzel. Ein langer Tisch war festlich gedeckt, weiß und edel, wie bei einem großen Fest. Es blitzte und funkelte. Mittendrin stand, etwas erhöht, eine Torte mit brennenden Kerzen drauf - eine Geburtstagstorte - nur für mich! Das erste Mal in meinem Leben musste ich Kerzen auf einer Torte ausblasen - sieben Stück. Alle möglichen Leute redeten auf mich ein und busselten mich ab. Mein Gott, habe ich mich geschämt. Für kurze Zeit kam ein Gedanke der Flucht auf, aber dann spürte ich die feste Hand von Onkel Leopold. Ich hatte heimlich mit dem Ärmel ein paar Tränen verwischt und ging weiter auf Entdeckungsreise. Inmitten der Tafel stand ein großer Korb mit Früchten, aus dem ein ganzer Bund Bananen, das absolut Exotischste was ich kannte, herausragte. Ich stand mit offenem Mund da und staunte nur noch. Onkel Leopold machte mir Mut: „Nimm sie dir, das gehört alles dir, das ist mein Geschenk für dich!“

Er zwinkerte mir zu und so etwas wie Stolz keimte in mir auf. Unfassbar, ich war jetzt Besitzer eines ganzen Bundes Bananen. Irgendwer forderte mich auf, doch eine Banane zu essen. Sie hatten bemerkt, dass das für mich neu war. Trotz gutem Zureden, wollte ich keine essen. Nicht jetzt. Ich sagte, dass ich die Bananen bis zu meiner Heimreise aufsparen möchte. Meine Freunde in der Steiermark hatten so etwas bestimmt noch nie gesehen. Sie sollten mich beneiden. Dann würde ich, großzügig wie ein König, mit ihnen teilen. Bis dahin waren allerdings noch vier lange Wochen. Ich konnte das Lachen der Tanten und Onkels nicht verstehen. Hatte ich etwas übersehen? Ein leichtes Unbehagen überfiel mich, ich traute dem Frieden nicht, denn meistens, wenn es feierlich wurde, kam unweigerlich der Aufruf zum Gedicht aufsagen. Ich hatte vergessen, dass ich auf meiner eigenen Geburtstagsfeier war. Niemand hatte an ein Gedicht gedacht. So ein Glück!

Meine Bananen lagen sicher auf meinem Nachttisch. Ich träumte dem nächsten Tag entgegen. Morgen ist Sonntag und Stephansdom-Tag mit Onkel Leopold!

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