Ferien in Wien - Stephansdomtag
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 10.04.2025, 13:11 – geändert Donnerstag 10.04.2025, 17:46
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Es war noch ruhig in der Wienerstadt, als ich mich auf den Weg machte, Onkel Leopold bei ihm zu Hause in der Favoritenstraße abzuholen. Während ich den Laaerberg in Richtung Amalienbad hinab spazierte, malte ich mir im Gedanken aus, was wir zwei heute alles unternehmen würden. Ich benutzte ausnahmsweise nicht die viel interessantere Abkürzung durch die Schutthalden, denn es war Sonntag und ich wusste, dass der Onkel auf sauber geputzte Schuhe achtete. Die Babička hatte mich, weil Sonntag war, in ein weißes Hemd gezwängt, das fürchterlich am Hals kratzte. Wenigstens musste ich heute nicht ihren Kafitschko (Kaffee) trinken - ich war ja beim Onkel zum Frühstück eingeladen.
Ich ging brav auf dem Trottoir, um nicht dreckig zu werden. Die Wiener sagen Trottoir zum Gehsteig. Ein komisches Wort, aber es gefiel mir. Onkel Leopold wohnte in einem schönen alten Haus. Ich habe gehört, dass es aus der Gründerzeit stammt, leider habe ich vergessen, was Gründerzeit bedeutet. Komisches Wort, dachte ich und nahm mir vor, Onkel Leopold zu fragen. Ich stand vor dem hoch aufragenden Haus und staunte. Da bevölkerten Drachen und Löwenköpfe die Fassade, schauten Frauen mit blinden Augen aus steinernen Gesichtern und riesige Männerköpfe rissen den Mund auf, als würden sie singen. Ich betrat das Stiegenhaus durch eine doppelte Flügeltür, deren Scheiben wie ein buntes Bilderbuch aussahen. Die grünblauen Gläser zeigten einen Pfau, der ein Rad schlug. Eine Wendeltreppe schraubte sich Stockwerk für Stockwerk nach oben, die Wände waren mit Kacheln verkleidet. Ich war so vertieft in diese Farbenpracht, dass ich gar nicht bemerkte, dass mich Onkel Leopold vor seiner Wohnung erwartete. Ich hatte ja unten bei der Haustür seine Klingel gedrückt. Er begrüßte mich herzlich wie immer, dann kredenzte er mir ein Frühstück mit Kipferl, Butter und Marillenmarmelade aus der Wachau. Wunderbar, die ganze Wohnung duftete nach Bohnenkaffee.
Im Vorraum schaute ich verstohlen herum, ob nicht irgendwo seine Gamaschen zu entdecken wären. Onkel Leopold war nämlich ein feiner Herr, der trug solch feine Sachen, das wusste ich von meiner Tante. Er hatte meine suchenden Blicke bemerkt und fragte sogleich, was mich denn so interessieren würde?
Peinlich berührt druckste ich herum – von wegen schöne Schuhe und Gamaschen – da hatte er begriffen und öffnete seinen Schuhschrank (was es nicht alles gibt). Er zeigte mir seine eleganten, braunroten Schuhe, die mit den vielen kleinen Löchern auf der Schuhkuppe, die wiederum ein Muster bildeten. Zu diesen Schuhen trug er diese feinen, in beige gehaltenen Gamaschen, die mir so gefielen. Ich versicherte ihm, dass ich so schöne Schuhe nie zuvor gesehen hätte. Darauf kam sofort die Aufklärung – so war er eben, mein geheimer Held – die Gamaschen stammten aus dem vorigen Jahrhundert, aus der Zeit des Biedermeier und seien ein Erbstück seines Vaters, der seinerseits Offizier in Diensten des Kaisers war.
Ich hatte tausend Fragen. Mein Onkel beantwortete sie alle, nie hatte ich den Eindruck, dass er mich beschwindelt, denn wenn er, selten genug, etwas nicht wusste, wurde ein dickes schweres Lexikon befragt.
Dann zogen wir los, mein Onkel und ich an seiner Hand. Mit der Straßenbahn fuhren wir bis zur Ringstraße und spazierten an der Staatsoper vorbei, die noble Kärntnerstraße entlang, bis sich die Straße öffnete und wir auf einem Platz standen - dem Stephansplatz. Da stand er nun – hundertmal so groß wie ich – der Stephansdom. Wir betraten den ehrwürdigen Dom durch das Hauptportal. Es war kühl in der großen Säulenhalle, ein leichter Windhauch zog von oben herab, wahrscheinlich waren noch nicht alle Bombenschäden aus dem Krieg beseitigt, sagte ein anderer Besucher. Wir standen ehrfürchtig vor den wieder aufgestellten Heiligenfiguren, sie hatten den Krieg Gott sei Dank gut überstanden, erklärte mir Onkel Leopold.
An einem Seitenausgang stand auf einer schwarzen Tafel der Hinweis, dass man die Türmerstube gegen ein kleines Entgelt besuchen könnte. Neben dem Aufgang wurden glasierte Dachziegel angepriesen, die man „Bausteine“ nannte. Die waren richtig teuer, das verstand ich nicht. Wieso kostet so ein Ziegel so viel Geld? Onkel Leopold hatte natürlich auch zu dieser Frage die richtige Antwort parat: „Das ist symbolisch, Franzi. Den schön glasierten Dachziegel kannst du mit nach Hause nehmen und an die Wand hängen, damit jeder sehen kann, dass du mit diesem „Baustein“ und dem Zertifikat, auf dem zu lesen ist, dass du beim Wiederaufbau unseres „Steffl“ mitgeholfen hast.“
Weil der Baustein so teuer war, fragte ich kleinlaut: „Gehen wir jetzt trotzdem noch hinauf zur Türmerstube?“
Onkel Leopold überlegte kurz, aber dann stapften wir hinter dem Führer die 343 Stufen über eine endlos scheinende Wendeltreppe hoch. Die ungleich hohen Stufen machten mir zu schaffen, aber mit der Zeit kam ich drauf, wie es am besten geht. Meinem eleganten Onkel ging es nicht so gut. Je länger der Aufstieg dauerte, umso deutlicher traten die weißen Knöchel seiner Hand heraus, wenn er sich am Geländer hochzog. Zeitweise ertappte ich ihn dabei, wie er sein edles Taschentuch (mit Monogramm L. für Leopold) zückte, um sich Schweißperlen von der Stirn zu wischen. Ich sagte nichts, tat so, als ob ich es nicht bemerkt hätte. Ich verdrängte den leisen Verdacht, dass mein „Held“ gar Schwächen haben könnte. Nein, das musste andere Gründe haben und ich wollte es gar nicht wissen.
Endlich oben angekommen wurden wir mit einem gigantischen Blick über Wien belohnt. Das war sie also, die Türmerstube. Unser Führer war ein pensionierter Feuerwehrmann, der früher einmal hier Dienst machte. Die Besucher bekundeten dem alten Mann Respekt: „Sie san aber no guat beinander, Herr Kresina!“
Sie wussten seinen Namen, weil er ein blitzblank poliertes Schild mit seinem Namen an die Brust geheftet hatte: Josef Kresina – Fremdenführer der Stadt Wien - stand da drauf. Er antwortete mit leichten Grinsen, schielte auf den Bauch meines Onkels und sagte: „Ja ja, jeden Tag ein paarmal auf und ab und der Bauch ist weg, so einfach ist das.“
Er erzählte uns die Geschichte des Domes und dass seit Jahrhunderten von hier aus ein Mann als Brandmelder Wache über die Stadt hielt. Der Wächter war immer ein Wiener Feuerwehrmann. Die Türmerstube hatte vier gotische Spitzbogenfenster. An jeder Fensterbank war eine Vorrichtung eingebaut, in die er ein Fernrohr einklinken konnte. So konnte er über die Dächer der Stadt bis zum Horizont schauen. Wasser gab es keines hier oben, auch keine Toilette, die war zweihundert Stufen tiefer. Der einsame Türmer hatte immer zwölf Stunden Dienst und musste ganz schön sportlich sein.
„Ich habe jetzt Feierabend“, sagte Herr Kresina, sperrte die Türmerstube zu und ließ uns beim Abstieg vorrausgehen. „Auf Wiedersehen die Herrschaften, abwärts geht’s leichter, gell Herr Doktor.“
Mir schien, als hätte mein Onkel heiße Ohren bekommen, ob der frechen Bemerkung des Fremdenführers. Unten angekommen, fragte ich, warum ihn der Mann mit Herr Doktor angesprochen hat, wo er doch ein Direktor sei. Onkel Leopold räusperte sich, dann erklärte er mir: „Das ist eine Alt-Wiener Sitte, eine besondere Wertschätzung gegenüber dem Gast, ob sie zutrifft oder nicht. Er soll sich geschmeichelt fühlen.” Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Was allerdings nicht immer gelingt.”
Das ansonsten immer großzügige Trinkgeld des Onkels fiel diesmal bescheiden aus. Daran erkannte ich, dass er verärgert war und blieb still. „Komm Ferdinand”, sagte er kurz darauf schon wieder gut gelaunt: „Spazieren wir zum Stadtpark, vielleicht treffen wir dort den Eismann.”
© story by ferdinand
© photo by APA/Georg Hochmuth