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Ferien in Wien

Von Feierabend-Mitglied Montag 07.04.2025, 07:42 – geändert Mittwoch 09.04.2025, 13:39

Ich bin schon immer gegen den Strom geschwommen.
Auch in den Schulferien.
Das kam so: Ich war gerade zehn Jahre alt geworden, damals nach dem Krieg, es war die Zeit des Aufbruchs. Die Leute verdienten wieder etwas Geld und konnten es sich leisten, an Urlaub zu denken. Man fuhr mit dem Zug und machte Ferien auf dem Land. Diese Art von Urlaub nannte man damals noch „Sommerfrische“.
Bei mir war es genau umgekehrt. Ich fuhr von der grünen Steiermark ins graue Wien zu Pepionkel und Mizzitant und zur Babička. Der Pepionkel war der Mann von der Mizzitant, die wiederum die Schwester meines Vaters war. Die beiden wohnten in einem kleinen Häuschen, das der Babička und Wenzel, Pepionkels Eltern, gehörte. In Wien musste ich, ganz gegen meine Gewohnheit, immer Schuhe tragen. Man hatte mir verboten, barfuß zu gehen. Es sei wegen der herumliegenden Glasscherben viel zu gefährlich, meinten die feinen Leute in der Stadt. Barfuß gehen nur die Zigeunerkinder, sagten sie. So ein Blödsinn! Ich fügte mich, aber die Zigeunerkinder spukten mir im Kopf herum. Ich hatte eine Idee. Ich glaubte zu wissen, wo die verpönten Zigeuner wohnten.

Manchmal, wenn ich den Pepionkel von der Arbeit in der Ankerbrotfabrik abholte, benützte ich eine Abkürzung. Dieser Fußweg führte vom Laaerberg hinunter in die Stadt, vorbei an Schutthalden und zerbombten Häusern, dahinter war Brachland. Zwischen wildem Gestrüpp und dornigen Hecken standen nur ein paar verkrüppelte Bäume und eine schiefe Wellblechhütte. Das war mein Ziel. Dort vermutete ich die Zigeunerfamilie. Bei diesem Unterstand aus alten Brettern und Teerpappe, hatte ich unlängst spielende Kinder gesehen. Ich pirschte mich an wie beim Indianerspielen. Da sah ich wie eine Frau bunte Fetzen zum Trocknen über die Sträucher legte. Man hängt doch nur Hemden und Hosen in die Sonne, nicht solche Lumpen, dachte ich. Warum tat die Frau das?
Meine Neugier trieb mich immer näher an den Schauplatz. Hinter den Schutthügeln spielte ein Bub mit einem komischen Ball. Er war aus Fetzen geformt. Rote Gummiringe, wie ich sie von den Marmeladegläsern kannte, hielten den Ball in Form. So ein Spielzeug nannte man in Wien "Fetzenlaberl". Der Bub lief barfuß und kickte scheinbar ohne Schmerzen den Ball mit den Zehen. War das ein Zigeunerjunge? Auf einmal sah er mich und kickte den Ball in meine Richtung. Ich war nicht sicher, ob das eine Begrüßung war oder ob er mich abschießen wollte. Ich fing den Ball mit meinen Händen und lächelte ihm zu. Er war größer und bestimmt stärker als ich, dachte ich. Er winkte und rief mir zu: „Komm´ her, wenn du dich traust!“
Ich streifte meine Schuhe ab und kickte das Fetzenlaberl mit dem Fuß zurück.
„Was machst du da?“, fragte er.
„Nichts, wollte nur mal schauen, was hinter den Hügeln ist.“
Ich wollte mich auf einen Baumstumpf setzen, aber das ging nicht. Auch hier lag ein Stofffetzen zum Trocknen.
„Wohnst du hier?“, fragte ich.
„Nur im Sommer.“
„Und im Winter?“
„Im Winter spiele ich mit Flaschen und Gläsern.“
„Gehst du nicht zur Schule?“
„Ja, aber nicht immer. Viel lieber spiele ich beim Heurigen auf meinem Xylophon.“
Was ist ein Xylo … dings?“, frage ich mutig.
„Bist du immer so neugierig? Wer bist du eigentlich und wo wohnst du?“
„Ich wohne bei der Babička, gleich hinter dem Ziegelteich. Nur im Sommer. Ich bin der Ferdinand.“
„Ich heiße Berti.“
In dem Moment kam die Frau aus der Hütte. Sie sang vor sich hin und blieb abrupt stehen, als sie mich sah. Sie sprach mit Berti:
„Kennst du den? Was will der hier – Zigeunerschauen?“
„Nein, er ist harmlos, heißt Ferdinand und kommt aus …“, Berti schaute mich fragend an: „Woher kommst du? Du bist doch nie im Leben ein Wiener, oder?“
„Ich komme aus der Steiermark und bin immer in den Ferien hier.“
Jetzt lachten sie. Ich lachte vorsichtshalber mit. Die Frau war jetzt freundlicher gestimmt und sagte: „Die Babička, das ist deine Oma? Na sowas! Ich kenne sie, sie ist eine großzügige Frau, zweimal schon hat sie mir einen Teppich abgekauft. Komm her, setz dich auf die Bank. Magst du Holler Saft?“
„Ja, bitte.“
Die Zigeunerfrau war nicht so böse, wie ich dachte. Mutig fragte ich, was es mit den bunten Fetzen auf sich hätte, die hier überall herumhängen.
„Wir sammeln im Sommer diese Lumpen und machen im Winter bunte Flickenteppiche daraus. Wir sind Jenische, weiße Zigeuner, verstehst du? Nein, natürlich verstehst du nicht. Zigeuner will niemand verstehen, daher ziehen wir durchs Land, flechten Körbe, knüpfen Teppiche und machen Musik.“
Der bittere Ton der Frau machte mich stumm. Ich hätte gerne etwas Nettes gesagt – etwas das sie milder stimmt – aber mir fiel nichts ein. Verlegen drückte ich mein selbstgeschnitztes Holzpfeifchen in meiner Hosentasche hin und her und platzte heraus: „Ich mache auch Musik, ich spiele Pfeife!“
„Um so besser“, sagte Berti, „ich hole mein Flaschen-Xylophon. Wir spielen miteinander.“
Berti kam mit einem Gestell aus der Hütte, auf dem acht Flaschen an Schnüren hingen. Ich staunte, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Wir füllten gemeinsam die Flaschen mit einem Wasserkrug verschieden hoch auf. Es lief einiges Wasser daneben, aber es machte Spaß. Ich probierte mit einem Schlägel die Klänge aus und Berti blies von der anderen Seite an den Flaschenhälsen. Auf diese Art stimmten wir nach Gutdünken das Xylophon. Wir spielten herum und komponierten unsere eigenen Lieder. Ich lernte: Je voller die Flasche war, umso tiefer klang es, wenn ich mit dem Schlägel anschlug. Wenn Berti an der selben Flasche oben am Hals blies, waren es helle Töne. Berti sagte: „Das sind die unterschiedlichen Schwingungen von Wasser und Luft …, oder so ähnlich.“ Die technische Seite war uns letztlich egal, wir spielten den ganzen Nachmittag. Ich hatte die Zeit vergessen. Berti wollte, dass ich wiederkomme. Er meinte, wir könnten Freunde werden. Ich versprach, dass ich kommen würde, obwohl ich nicht wusste, wie ich das dem Pepionkel und der Babička verklickern sollte. Eine Freundschaft mit einem Zigeunerjungen? Für mich war das kein Problem. Ich trat den Heimweg an. Kurz vor der Wohnung zog ich meine Schuhe wieder an.

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